In der Innenarchitektur gibt es einen Begriff dafür: Horror vacui. Das Grauen vor der Leere.
Studenten lernen dort früh, dagegen anzukämpfen, gegen den tief verwurzelten Drang, jede Fläche zu füllen. Das Teewägelchen in die Ecke. Die Blume auf den Tisch. Das Sofa an die Wand. Bis kein Platz mehr ist. Bis der Raum sich anfühlt wie ein überfülltes Lager.
In der Fotografie sieht das genauso aus.
Die meisten Fotos scheitern nicht, weil zu wenig drauf ist.
Sie scheitern, weil zu viel drauf ist.
Nicht zu wenig Schärfe. Nicht zu wenig Licht.
Zu viel Absicht auf einmal.
Das Gebäude, das du zeigen wolltest. Der Baum links, der so gut aussah. Der Brunnen davor. Der Himmel mit den Wolken. Und die Gasse rechts, die auch noch mit drauf sollte.
Alles stimmt. Aber nichts wirkt.
Das ist kein Ausrüstungsproblem. Das ist ein Denkfehler.
Die Annahme, die dich deine Bilder kostet
Es gibt eine stille Annahme, die fast alle Fotografen haben:
Mehr zeigen = mehr Information = besseres Bild.
Diese Annahme ist falsch.
Sie gilt vielleicht für Dokumente. Für Bestandsaufnahmen. Für Einkaufslisten.
Nicht für Bilder, die wirken sollen.
Ein Bild ist keine Bestandsliste.
Es ist ein Angebot an den Betrachter. Und jedes Angebot braucht einen klaren Kern, einen Grund, warum der Betrachter bleiben soll.
Wenn du alles zeigst, bietest du nichts wirklich an.
Du bietest eine Auswahl.
Und Auswahl ist für den Betrachter Arbeit. Arbeit, die er nicht machen will. Also geht er weiter und lässt dein Bild links liegen.
Was Weglassen wirklich ist
Weglassen ist nicht Vereinfachung.
Es ist Fokussierung.
Der Unterschied ist erheblich.
Vereinfachung bedeutet: Du nimmst etwas weg, weil es stört. Warum das überhaupt funktioniert und wie das Prinzip dahinter aussieht, habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Bildkomposition: vereinfachen und Störendes ausschließen →. Hier gehen wir einen Schritt weiter, ins Handwerkliche: womit genau du weglässt.
Fokussierung bedeutet nämlich: Du nimmst alles weg, was nicht zum Kern gehört, auch wenn es gut aussieht.
Das ist der schwierige Teil.
Der Baum links sieht wirklich gut aus. Der Brunnen auch. Der Himmel mit den Wolken ist großartig.
Aber wenn dein Kern das Gebäude ist: Was haben Baum, Brunnen und Gasse dort zu suchen?
Sie konkurrieren. Sie lenken ab. Sie verteilen die Aufmerksamkeit auf Dinge, die nicht dein Hauptmotiv sind.
Und das Gebäude, das du eigentlich zeigen wolltest, tritt deshalb zurück.
Petra und das Stadttor
Petra zeigte mir ein Bild. Ein altes Stadttor. Steinbögen, Patina, wunderbares Licht.
Das Bild hatte alles.
Das Tor. Einen Pkw, der gerade hindurchfuhr. Zwei Fußgänger, einer mit Kinderwagen. Verkehrszeichen. Einen Blumenladen, der rechts ins Bild ragte. Und im Hintergrund moderne Architektur, die durch den Bogen sichtbar war.
Petra sagte: „Ich wollte zeigen, wie das Tor mitten im Alltag steht.“
Ich sagte: Das sehe ich. Aber ich sehe auch elf andere Dinge gleichzeitig.
Was soll ich davon sehen?
Sie schwieg kurz.
„Das Tor.“
Ich fragte: Warum ist der Blumenladen dann im Bild?
Sie schaute das Bild an. Lange.
„Weil er zufällig dort stand.“
Genau das ist das Problem.
Zufälle ins Bild zu lassen ist keine Entscheidung. Es ist die Abwesenheit einer Entscheidung.
Störende Bildelemente vermeiden: Fünf Werkzeuge
Für das Weglassen hast du keine Taste an der Kamera.
Aber du hast fünf Werkzeuge, mit denen du es umsetzt, und du hast sie immer dabei.
Bildausschnitt. Über den Bildausschnitt kannst du störende Bildelemente ganz einfach vermeiden: Du bestimmst, was ins Bild kommt. Alles außerhalb des Bildrahmens existiert im Bild nicht. Das ist dein stärkstes Weglasswerkzeug.
Standortwechsel. Du bewegst dich. Ein Schritt zur Seite, zwei Schritte näher, und der Blumenladen ist weg, das Verkehrszeichen aus dem Weg. Weil sich der Hintergrund dadurch verändert und der Vordergrund, falls es einen gibt, Teile des Hintergrunds verdecken kann.
Wartemoment. Du wartest, bis das Element, das du nicht willst, sich aus dem Bildfeld bewegt. Der Pkw, der Kinderwagen, die Fußgänger.
Schärfeebene. Du entscheidest, was scharf ist. Was unscharf ist, tritt zurück. Es ist nicht weg aus dem Bild, aber aus dem Fokus des Betrachterauges.
Licht. Du arbeitest mit dem Licht, das auf deinen Kern fällt. Was im Dunkeln liegt, wiegt weniger. Auch so kannst du störende Bildelemente vermeiden.
Kein einziges dieser Werkzeuge braucht eine teurere Kamera. Sie brauchen nur deinen Kopf. Und die Entscheidung, was du nicht ins Bild nimmst.
Die Frage, die alles ändert
Ich stelle mir beim Fotografieren inzwischen eine Gegenfrage.
Nicht nur: Was will ich zeigen?
Sondern: Was will ich nicht zeigen?
Das klingt seltsam. Wir denken im Hinzufügen. Wir denken daran, was wir ins Bild holen. Nicht daran, was wir draußen lassen.
Aber wirklich gute Bilder entstehen durch beides.
Ein Bildhauer sagt: „Ich entferne so lange Stein, bis die Figur darunter sichtbar wird.“
Das ist übertrieben poetisch für einen Blog über Fotografie.
Aber der Gedanke trifft es: Dein Motiv ist schon da.
Du musst nur anfangen, die Dinge drumherum wegzulassen.
Was du jetzt probieren kannst
Nimm ein Motiv, das dich interessiert.
Mach zuerst das Bild, das du normalerweise machen würdest.
Dann frag: Was hier ist nicht mein Hauptmotiv?
Und versuch dann, alles wegzulassen, was du gerade aufgelistet hast.
Geh näher. Wähle einen engeren Ausschnitt. Warte auf den besseren Moment oder passenderes Licht. Wechsel den Standort.
Und dann mach das Bild noch einmal.
Das zweite Bild wird klarer sein. Weil du eine Entscheidung getroffen hast.
Du wirst überrascht sein, was passiert, wenn das Bild nur noch das zeigt, was du zeigen wolltest.
Schreib mir in die Kommentare, welches Motiv du vor dir hattest und was du dabei weggelassen hast. Ich lese jeden Kommentar und antworte natürlich.
Wenn du verstehen willst, wie visuelles Gewicht dabei eine Rolle spielt, also was das Auge anzieht und wie du steuern kannst, wohin der Betrachter schaut:
Was dein Auge im Bild wirklich sucht: Visuelles Gewicht →
Du willst das nicht allein durcharbeiten, sondern an deinen eigenen Bildern mit konkretem Feedback entwickeln? Die Inspiclass ist genau dafür gemacht.
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