Warum wirken meine Fotos nicht? Der Moment vor dem Auslösen entscheidet

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warum wirken meine fotos nicht

Warum wirken meine Fotos nicht so, wie ich es beim Fotografieren empfunden hast? Hast du dir diese Frage schonmal gestellt?
Die Ursache liegt meist nicht in Technik oder Gestaltung, sondern in dem Moment direkt vor dem Auslösen.

Du kennst diese Situation: Du stehst vor einem Motiv, das tragen soll. Kein Erinnerungsfoto. Kein schneller Schnappschuss. Sondern ein Bild, das für sich funktionieren muss.

Du spürst etwas.
Du hebst die Kamera.
Du fokussierst.

Und dann gibt es diesen Moment.
Nicht beim Auslösen.
Sondern davor.

Bevor wir weitergehen, eine Klarstellung:
Dieses Gefühl war nicht falsch.
Es war richtig.
Denn es hat dich aufmerksam gemacht.
Es hat dich hingezogen.
Aber es war nur der Startpunkt.

Dieses Gefühl war richtig. Es war nur nicht vollständig:
Zwischen Gefühl und Auslösen solltest du etwas klären, das leider nicht automatisch passiert.

Was du bisher verstanden hast

In meinen letzten Artikeln hast du gelesen:

Bis hierhin war das alles Diagnose.

Jetzt kommt der entscheidende Punkt:
Wenn dein Gefühl der richtige Start war, warum stellst du dir dann später am Computer die Frage: „Warum wirken meine Fotos nicht? Zumindest nicht so, wie ich es vor Ort gefühlt habe?!“

Ein Beispiel

Du stehst in einer alten, abbruchreifen Industriehalle.

Das Licht fällt durch ein Fenster. Staub in der Luft. Struktur im Beton.
Du spürst: Das ist stark!

Du fotografierst.

Später am Rechner merkst du: Es ist nicht schlecht. Aber es trägt nicht.

Warum?
Weil du zwar gespürt hast, dass etwas da ist, aber nicht festgelegt hast, worum es geht.

War es das Licht?
Die Atmosphäre?
Der Kontrast?

Du hast alles fotografiert.

Und genau deshalb nichts entschieden!

Was in dieser Sekunde wirklich passiert

Zwischen dem Gefühl und Auslösen liegt ein kurzer Moment.

Nicht zum Warten.
Nicht zum Zögern.
Sondern zum Festlegen!

Was in diesem Moment geklärt werden muss, ist keine spontane Idee und hat rein gar nichts mit Kreativität zu tun.
Es ist eine Frage, die du dir selbst stellst.

Nicht irgendeine Frage.
Sondern eine sehr spezifische.
Eine Frage, die festlegt, worum es in diesem Bild gehen soll.

Hier reicht erst einmal eines:

Du wechselst von
„Da ist etwas.“
zu
„Es geht hier um …“

Mehr nicht.
Keine Technik.
Keine Gestaltung.

Nur eine innere Festlegung.

Und genau dort entscheidet sich, ob dein Bild trägt – oder nur Eindruck macht.

warum wirken meine fotos nicht
Mehrere starke Elemente im Bild – Licht, Weite, Vordergrund – erzeugen Eindruck. Ob daraus Klarheit entsteht, hängt von der zugrunde liegenden Entscheidung ab. Image by Mykyta Tretiakov from Pixabay

Warum wirken meine Fotos nicht? Es liegt nicht an deinem Talent!

Wenn deine Bilder bisher nicht getragen haben, liegt das nicht daran, dass dir etwas fehlt.

Im Gegenteil.
Gerade weil du viel siehst, wird es schwerer, dich festzulegen.

Das ist kein Fähigkeitsproblem.
Es ist ein Klärungsproblem.

Dein Gefühl war richtig.

Aber ohne Klärung bleibt es ein Impuls – keine Entscheidung.

Der Schritt, der bisher gefehlt hat

Zwischen Gefühl und Bild liegt ein Schritt, der nicht automatisch passiert.

Er besteht nicht darin, länger zu schauen.
Und auch nicht darin, mehr Varianten zu machen.

Er besteht darin, die Frage zu klären, die dieses Bild beantworten soll.

Solange diese Frage diffus bleibt, konkurrieren alle Elemente miteinander.

Wird sie klar, beginnt das Bild sich zu ordnen.

Wie dieser Moment greifbar wird, also wie aus einem diffusen Eindruck eine tragfähige Festlegung entsteht, ist kein spontaner Einfall.

Es ist ein Prozess.

Genau diesen Prozess arbeite ich gerade in einem eigenen Kurs aus.

Wenn du informiert werden willst, sobald er erscheint, kannst du dich hierrechts eintragen.

Gehörst du auch zu denen, die sich immer für unkreativ halten? Und ahnst du, dass diese Frage dich weiterbringen wird? Hinterlasse ganz unten einen kurzen Kommentar.

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Ich helfe dir – egal, ob Profi oder Hobbyfotograf – dabei, so zu fotografieren, wie du es dir schon immer vorgestellt und erträumt hast. Ob du also den Einstieg in die Fotografie suchst oder als Fortgeschrittener immer wieder an die gleichen Grenzen stößt: Ich unterstütze dich auf deinem Weg und zeige dir, wie du deine Vision von individueller Fotografie realisieren kannst. Ich habe Fotografie studiert, bin Buchautor für Fotografie und Bildbearbeitung und Fototrainer.
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Rainer

Genau das ist es. Eine junge Frau fragte mich mal, warum ihr, ihr eigenes Bild nicht gefällt, ist doch alles drauf. Stimmte auch, schöne Landschaft, schönes Häuschen, alles scharf. Ich fragte sie, was ihr Hauptmotiv sei, was sie in dem Bild wirklich zeigen wollte…alles sah schön aus, versuche, dich auf Eines festzulegen. Danke für deine Anregungen Karsten. Gruß Rainer

Madeleine

Hallo Karsten,
vielen Dank für diese Themenreihe! Es ist eine gute, aber auch leicht bittere Erkenntnis, dass ein fehlendes „Worum geht es?“ zu Unzufriedenheit mit den späteren Bildern führen kann. Hat mir viel geholfen, meine Ansprüche ans Fotographieren noch mal zu reflektieren.
Ich habe mich die letzten Tage intensiv mit meinem Jahresprojekt Licht beschäftigt. Habe mir da viele Motive und Bildaussagen theoretisch überlegt. Eine Frage, dies sich dann ergeben hat.: Was mache ich, wenn das „Ich sehe was“ nicht kommt, also nichts meine Aufmerksamkeit so anspricht, dass ich ins „Fühlen“ komme? In meinem Fall diese Woche war alles auf Sonnenlicht ausgerichtet, das dann einfach nicht da war (und ich konnte nichts anderes „sehen“.) Bin sehr gespannt auf die Kursinhalte.
Liebe Grüße, Madeleine

Alessandra

Hi Karsten

Ich sehe hier ganz eindeutig folgendes Problem:
– Ich sehe etwas, da ist etwas
– Ich will mich festlegen und..
– Zack, schon vorbei.

Ich glaube, dass die (fehlende) Zeit die grösste Herausforderung ist (um es mal positiv auszudrücken), um ein tragfähiges Bild zu machen. Nicht immer fotografieren wir z. B. Lost Places, wo sich in den letzten 20 Jahres nix von der Stelle bewegt hat. Hier ist wohl das Licht unsere grösste Herausforderung.
Aber was ist z. B. mit der Street Fotografie? Eilende Menschen, Fahrzeuge, Strassenbahn, Licht und Schatten etc. Da kommt so viel auf einem zu. Und zack… vorbei! Also auf Jagdposition wie ein Jäger und warten auf das nächste fotografische Opfer. Vielleicht kommt eine ähnliche Situation wie diejenige, die wir verpasst haben. 🙂

Oder was ist mit der Tierfotografie? Schwieriges Thema, denn wirklich tragfähige Bilder findet man nicht so oft, finde ich. Und hier – ich will niemandem zu Nahe treten – spielt doch der Zufall eine grosse Rolle, denn die Situationen wechseln ja so schnell. Meine Meinung. Oder gefühlte 1000 Schüsse sind nötig.

Was ich damit sagen will – aber vielleicht liege ich auch falsch:
Klar wäre es mega optimal, wenn wir uns vor dem Auslösen im Klaren sind WAS wir zeigen wollen und WAS wir auslassen müssen. Zackzack… schnell-schnell eine Entscheidung getroffen und das tragfähige Bild ist im Kasten.
Aber: ist das überhaupt machbar, wenn es wirklich ganz ganz schnell gehen soll?
Gibt es dafür eine Patentlösung? 🙂

Vielen Dank für deine Beiträge – auch wenn sie oft „unbequem“ sind. 😉

Grüsse aus CR
Alessandra

wayne_1313 Fotografie Marc Wayne Schechtel

Vielen Dank für diesen wertvollen Denkanstoß, der den Finger genau in die Wunde legt: Die fehlende Entscheidung vor dem Auslösen. Ich finde es klasse, wie du den Unterschied zwischen dem bloßen Gefühl „da ist was“ und der bewussten Festlegung „darum geht es“ herausarbeitest. Mein Tipp für dich: Du könntest in deinem kommenden Kurs vielleicht eine kleine „3-Sekunden-Checkliste“ einbauen, mit der man direkt vor Ort spielerisch prüft, ob die Bildaussage schon klar genug ist oder noch konkurrierende Elemente stören.