„Das Licht war schlecht.“ Diesen Satz höre ich in Kursen immer wieder. Meistens kommt er zusammen mit einem Foto, das technisch völlig in Ordnung ist und trotzdem nicht zündet – und mit einem kleinen Schulterzucken, als wäre das Wetter schuld.
Ich verstehe den Reflex. Wir reden über Licht wie über eine Wettermeldung: zu wenig, zu hart, zu flau, schön oder unschön. Dabei übersehen wir das Wichtigste, was Licht im Bild überhaupt tut. Es macht nämlich nicht nur hell.

Ein Beispiel, das du vermutlich kennst. Ein Tisch, eine Tasse, ein Fenster. Nichts, wofür du sonst die Kamera holst. Dann fällt für ein paar Minuten ein heller Streifen über die Tasse, während der Rest des Tisches im Halbdunkel bleibt … und auf einmal ist da ein Bild! Nicht, weil die Tasse besonders wäre. Sondern weil das Licht sie ausgesucht hat.
Du holst die Kamera, machst die Aufnahme, und eine halbe Stunde später ist der Streifen weitergewandert. Der Tisch ist wieder nur ein Tisch.
Schauen wir genauer hin, was da passiert ist. Das Licht hat aus einem beliebigen Gegenstand ein Motiv gemacht. Es hat entschieden, worauf du zuerst schaust und was danach fast augenblicklich verschwindet. Die Tasse stand vorher genauso da. Verändert hat sich nur, was das Licht aus ihr gemacht hat. Und DAS willst du: vorhandenes Licht nutzen.
Licht ordnet: Es legt eine Rangordnung über das Bild.
Genau das meine ich, wenn ich sage: Licht ordnet. Es legt eine Rangordnung über dein Bild. Helle Stellen ziehen den Blick meist besonders schnell an, dunkle Bereiche treten eher zurück. Noch bevor du bewusst über Bildaufbau, Linien oder den goldenen Schnitt nachdenkst, hat das Licht deshalb bereits mitentschieden, was im Bild wichtig erscheint.
Diese Wirkung steht allerdings nicht allein. Auch Gesichter, Schärfe, Farbe und starke Kontraste lenken unsere Aufmerksamkeit. Aber eine helle Stelle an der falschen Position kann so dominant werden, dass sie mit deinem eigentlichen Motiv konkurriert.
Stell dir ein Porträt vor. Das Gesicht liegt in einem ruhigen, weichen Schatten. Hinten leuchtet jedoch die Umgebung. Technisch ist nichts falsch, und trotzdem rutscht der Blick immer wieder nach hinten. Das Licht hat die Umgebung auffälliger gemacht als den Menschen.
Dasselbe passiert häufig bei Porträts vor einem hellen Fenster: Draußen strahlt der Himmel, während das Gesicht dunkel bleibt. Die Kamera zeigt genau diese Helligkeitsverteilung, nur entspricht sie nicht unbedingt dem Bild, das du im Kopf hattest.
Schlechtes Licht ist oft Licht, das das Falsche hervorhebt.
Damit lässt sich der Satz vom Anfang neu fassen: „Schlechtes Licht“ ist oft nicht zu wenig oder zu hartes Licht. Es ist Licht, das etwas anderes hervorhebt, als du zeigen wolltest.
Es geht dabei nicht um die goldene Stunde und auch nicht um teure Technik. Die Frage ist nicht, ob das Licht schön ist, sondern ob es das Richtige hervorhebt.
Zwei Fragen, mit denen du Licht lesen lernst
Was heißt das für die Praxis? Zwei kurze Fragen helfen dir, vorhandenes Licht nicht mehr nur als gegebene Bedingung wahrzunehmen, sondern als Teil deiner Bildgestaltung:
- Wo liegt die größte Helligkeit – und soll der Blick wirklich dorthin?
- Was verschwindet im Schatten – und hilft das meinem Bild?
Stimmt die Antwort nicht, hast du meist eine einfache Stellschraube: ein Schritt zur Seite, ein engerer Ausschnitt, eine andere Höhe. Oder du drehst die Person so, dass das Fensterlicht auf das Gesicht fällt statt dahinter. Schon arbeitet dasselbe Licht für dich statt gegen dich.
Mit etwas Übung kommen weitere Möglichkeiten hinzu. Du erkennst, wann Gegenlicht Konturen sichtbar macht, wie Fensterlicht ein Gesicht modelliert, wann eine Schattenkante Spannung erzeugt und wie du mit großen Helligkeitsunterschieden umgehst, ohne einfach alles aufzuhellen.
Genau darum geht es in meinem DeepDive „Available Light meistern“. Ich zeige dir, wie du vorhandenes Licht liest und gezielt für deine Bilder nutzt, mit der Kamera genauso wie mit dem Smartphone. Aus „Das Licht war schlecht“ wird dann immer häufiger: „Jetzt sehe ich, was dieses Licht für mein Bild tun kann.“
Das Foto ganz oben ist übrigens von Rolf Lehrmund und ich durfte es im DeepDive verwenden. Danke, Rolf.
Du kannst aber auch ohne Kurs sofort anfangen. Schau dich dort um, wo du gerade bist, und suche die hellste Stelle. Was hebt das Licht hervor? Ist das tatsächlich das Interessanteste? Oder wartet ein paar Schritte weiter bereits das bessere Bild?
Wann hat dich zuletzt das Licht zu einem Foto gebracht, das du ohne dieses Licht nie gemacht hättest? Schreib es in die Kommentare.


Das Licht war nicht schlecht – man sollte zusehen, was das Licht macht und daraus das Beste machen.
In den Anfängen von Topaz habe ich es mal auf die Spitze getrieben und in einer Messehalle – da gibt es die unterschiedlichsten Lichtquellen – mit meiner APS-C Kamera einen roten Ferrari 308 fotografiert. Mal eben mit ISO 16800 (oder so).
Mit LrC und Topaz das Bild glattgebügelt und es sah so aus, als ob Thomas Magnum gleich in seinen fabrikneuen Ferrari einsteigen würde.
Gut, das ist ein extremes Beispiel.
Ich denke, du möchtest uns vermitteln, dass wir noch aufmerksamer werden und die Chancen erkennen, die uns das vorhandene Licht bietet und das ist auch gut so.
Petra at night in Jordanien – das ist ein wunderbares Schauspiel, aber die Realität sieht eher so aus, dass man eigentlich 2 – 3x dort hin sollte: Einmal zum Genießen – fast frei von fotografischen Zwängen, aber doch mal schon auskundschaften, von wo man mit dem vorhandenen Licht (es werden Lampen auf den Boden aufgestellt) das beste Bild mit der besten Wirkung erzielen kann. Ein zweites Mal, um den Plan in die Tat umzusetzen. Nun ist es nicht jedem vergönnt, so ein Schauspiel gleich 2x genießen zu können. Da böte sich die Möglichkeit an, vorher schon im www etwas zu recherchieren. So in etwa war es dann bei mir.
Sydney Opera House – mein Thema. Die Perspektive wechseln: Von der Front? (nett, aber es gibt eine schönere Schokoladenseite). Von der Harbour Bridge? JA, aber auch da kommt es auf die Perspektive, den Zeitpunkt und die Wahrnehmung an, die Möglichkeiten zu erkennen. Nachts? Auch da ist es interessant: Das Gebäude wird beleuchtet, Schiffe fahren vorbei, je nach Anlass wechselt die Beleuchtung. Morgens? Das frühe Aufstehen lohnt sich auf jeden Fall.
Ein Motiv, mindestens vier verschieden Zeitpunkte, Standpunkte/Perspektiven. Mir war es bisher vergönnt, dass ich bei drei Australienbesuchen viermal in Sydney sein durfte – grob 5 Wochen. Da konnte ich schon mal etwas ausführlicher die Lage für das Motiv auskundschaften.
Aber es geht ja auch darum, zu erkennen, was das vorhandene Licht in einer mehr oder weniger spontanen Situation für Möglichkeiten bietet.
Übrigens meine ich mich erinnern zu können, dass ein Island-Liebhaber mal sinngemäß einer anderen Person erzählt haben sollte, dass es kein schlechtes Licht gibt. Wenn man lange genug belichtet, bekommt man trotzdem ein tolles Ergebnis, auch in der Nacht. 😉
Mein Fazit aus deinem Beitrag: Entdecke die Möglichkeiten, die dir das vorhandene Licht in der jeweiligen Situation bietet.
Vielen Dank dafür
Hallo Thomas,
was für eine Reise durch deine Lichtsituationen! 🙂 Und du triffst genau den Kern: „schlechtes Licht“ gibt es eigentlich nicht, es kommt darauf an, was du daraus machst.
Dein Ferrari in der Messehalle ist ein herrlich extremes Beispiel, auch wenn das schon wieder eine andere Baustelle ist. Topaz bügelt dir das Rauschen weg, aber zu sehen, dass aus diesem Mischlicht überhaupt ein Bild werden kann, musstest du selbst. Genau darum geht es mir: Die Bearbeitung rettet die Technik, die Entscheidung triffst du vorher.
Und dann Petra und das Opernhaus — schön, wie du zeigst, dass ein Motiv viele Bilder hat, je nach Zeit, Licht und Perspektive. Im Grunde ist das derselbe Blick wie bei der Tasse im Beitrag, nur mit mehr Vorlauf: auskundschaften, wiederkommen, planen. Beneidenswert, viermal Sydney!
Der einzige Unterschied ist das Zeitfenster. Beim großen Schauspiel hast du Tage. In der spontanen Situation hast du Sekunde und musst dieselbe Frage trotzdem stellen: Was tut das Licht hier gerade, und wo ist mein Bild?
Den Island-Liebhaber – wer war das nur?! 😉 – lasse ich übrigens gelten: Lang genug belichtet, wird fast jede Nacht zum Tag, nur die Geduld dafür musst du haben. 😉
Und dein Fazit unterschreibe ich sofort! 🙂