Der schlimmste Fehler bei der Porträtfotografie – und wie du ihn vermeidest

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Wetplate Porträt Beispiel für Porträtfotografie
Dieses Porträt habe ich mit dem Wetplate-Verfahren aufgenommen. Model: @carolin_bueh

Wenn du Porträtfotografie lernen willst, machst du wahrscheinlich denselben Fehler wie die meisten Anfänger: Du bist mit deinen Bildern zu schnell zufrieden. Genau dieser Denkfehler verhindert, dass deine Porträts wirklich besser werden. In diesem Artikel zeige ich dir, woran das liegt – und wie du gezielt daran arbeitest.

Genau darum geht es jetzt.

Doch zuerst etwas Geschichtliches: Um 1850 gab es nur 1,2 Milliarden Menschen auf der Erde.

Die Fotografie steckte noch in ihren Kinderschuhen und kaum jemand fotografierte Menschen. Die Belichtungszeiten des ersten fotografischen Verfahrens, der Daguerreotypie, waren mehrere Minuten lang. Da machte es einfach keinen Sinn, massenhaft Menschen zu fotografieren.

1851 erfand Frederik Scott Archer dann das zweite fotografische Verfahren, den Wetplate-Prozess. Mit Silber wurden Glasplatten lichtempfindlich gemacht und dann gings richtig ab: Man schätzt, dass zu der Zeit etwa 30 Millionen Fotos gemacht wurden, davon etwa 95 % Porträts!

Damals war man überhaupt froh, dass man ein Foto seiner Liebsten immer dabeihaben konnte. Die Zeiten waren endlich vorbei, wo man mit lebensgroßen Ölschinken durch die Gegend laufen musste. 😉

Heute ist das ganz einfach geworden: Knöpfchen drücken und ZACK hast du ein Porträt gemacht. Aber ist das auch gut?

Oft nicht, denn viele machen einen großen Fehler.

Der häufigste Fehler beim Porträtfotografie-Lernen

Kommen wir jetzt direkt und ohne große Umschweife zum Thema:

Der schlimmste Fehler in der Porträtfotografie ist es, ein Porträtfoto zu machen und damit zufrieden zu sein!

Lass mich kurz herleiten, warum ich das so sehe.

Ich fotografiere nun seit fast 40 Jahren Porträts. Dabei sah ich natürlich immer wieder die Porträts anderer Fotografen. Und weil ich seit über 25 Jahren Fotokurse gebe, rangierten diese Porträtfotos auf einer ganz breiten Skala: vom ersten Porträtfoto ever bis hin zu den Porträts von Fotografen, die sich für gut hielten.

Eines hatten alle gemeinsam: Sie waren mit dem Foto zufrieden.

Warum Vergleich für bessere Porträts entscheidend ist

Porträtfotografie lernen: historisches Wetplate Porträt
Reinhold vor meiner Kamera. Ist das für dich ein gutes Porträt?

Bis ich diese Fotos zu sehen bekam, wurden diese Fotos natürlich diverse Mal kritische beurteilt:

  • Vom Fotografen selbst, der natürlich dieses eine Porträt im Vergleich zu allen anderen Fotos des gleichen Shootings betrachtet hat. Und dieses eine Porträt als das Beste ermittelte.
  • Außerdem setzte der Fotograf dieses Porträt in Verhältnis zu allen anderen Porträts, die er jemals gemacht hatte (wenn er schon erfahrener war). Fiel es da nicht durch, wurde es für gut befunden.
  • Freunde, Verwandte, Bekannte, die eigene Familie – ihnen wurde dieses Porträt gezeigt. Alle fanden es gut. Ist ja auch klar: Wenn all diese Personen selbst nicht fotografieren, müssen sie ja das Ergebnis toll finden. Schließlich hätten sie es nicht besser machen können.
  • Manchmal wurden die Fotos sogar im Fotoclub gezeigt. Mit etwas Glück gab es dort jemand, der zumindest selbst fotografierte und zumindest etwas dazu sagen konnte. Wenn in dem Fotoclub tatsächlich aktiv fotografiert wurde, anstatt dass es nur eine Laberrunde über die neuesten Kameras war.

Dabei ist keinem der Beteiligten ein Vorwurf zu machen!

  • Wenn der Fotograf es hätte besser machen können, hätte er es ja von vorneherein besser gemacht!
  • Die Mitmenschen sind völlig unschuldig! Sie fotografieren nicht. Sie haben sich noch niemals Gedanken darüber gemacht, was ein gutes Foto ausmacht. Sie beurteilen Fotos – Kunst generell – nach „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“. Ihnen fehlen jegliche Kriterien, nach denen sie ein Foto beurteilen könnten.
  • Der Kollegenkreis im Fotoclub besteht überwiegend aus Landschafts- und Makrofotografen, schließlich meckern diese Motive nicht, wenn es mal wieder länger dauert. Außerdem haben wir ja noch die Kamerabelaberer, die sich an die Technik klammern, wie ein Ertrinkender am Strohhalm – von denen ist also auch keine sinnvolle Kritik zu erwarten.

Was passiert, wenn der Vergleich plötzlich da ist

Porträtfotografie: Technik, Bildgestaltung, Modellführung
Ein gutes Porträt entsteht aus passender Technik, guter Bildgestaltung und zielgerichteter Modellführung. Model:  @eusepia

Aber nun stell dir etwas vor: Du machst mal wieder mal ein Porträtshooting. Alles läuft wie immer, du und dein Modell geben ihr Bestes. Am Ende suchst du dein bestes Foto heraus und bist natürlich davon überzeugt, dass es gut ist.

Weißt du, was passieren muss, damit du selbst genau dieses Foto freiwillig in der Luft zerfetzen und mit Füßen in den Staub treten würdest?

Das hier: Ein wirklich erstklassiger Porträtfotograf kommt am Ende deiner Porträtshootings vorbei und bittet dich, mit deiner Kamera, mit deinem Licht und deinem Model ebenfalls ein paar Fotos machen zu dürfen. Er braucht 10 Minuten und legt dir kurz darauf ein Foto vor, das dir die Tränen in die Augen treibt. Du nimmst dein Foto, zerreißt es und trittst es in den Staub.

Doch was ist da gerade passiert?

Du warst mit deinem Foto zufrieden, weil das Foto des anderen Fotografen nicht zum Vergleich daneben las.

Solange du keinen Vergleich hast, findest du dein Foto gut. Du weißt aber nicht, was du hättest aus deinem Motiv herausholen können. Das hat dir der erfahrene Fotograf gezeigt.

Du weißt einfach nicht, was du nicht weißt.

Erst im Vergleich mit anderen erkennst du, woran du noch arbeiten willst.

Was macht gute Porträtfotografie aus?

Gute Porträtfotografie zeigt nicht nur, wie jemand aussieht, sondern macht etwas von seinem Charakter sichtbar – bewusst gestaltet, mit einer Bildidee und gemeinsam mit dem Porträtierten.

Mit Porträtfotografie ist nämlich nicht gemeint, dass du einfach nur Menschen fotografierst. Vor allem Schnappschüsse auf Partys oder Fotos von Marktfrauen mit langen Brennweiten auf ausländischen Marktplätzen sind einfach keine Porträts.

Porträtieren lernst du ganz leicht
Model: Melanie Beulting

Ein echtes Porträt ist etwas, wo du und der Porträtierte gemeinsam kreativ sein wollen. Wo ihr zwei etwas Neues schaffen wollt. Wo du aus dem Porträtierten etwas Charakteristisches herausholen willst. Das geschieht niemals einfach so aus der Hüfte heraus per Schnappschuss! Das erfordert eine kleine Bildidee, die Anleitung des Porträtierten hin zu dieser Bildidee und am Ende musst du natürlich auch noch auf den Auslöser drücken. Welche Posen dabei zuverlässig misslingen, zeige ich dir an konkreten Bildbeispielen.

Der Porträtierte weiß also davon, dass du ihn porträtierst!

Ist das dein Ziel?

Hast du es satt, immer nur zufällig mal ein gutes Foto von einem Menschen zu machen?

Willst du stattdessen ausdrucksstarke Fotos von Menschen machen?

Wenn du genau das willst, brauchst du ein System, das dich kontinuierlich besser macht – nicht nur einzelne Tipps. Den größeren Rahmen dazu – wie du Schritt für Schritt bewusster fotografierst – findest du auf der zweiten Stufe.

Dein nächster Schritt: der ehrliche Blick von außen

Genau diesen Vergleich – den ehrlichen Blick von außen auf deine eigenen Porträts – bekommst du allein vor dem Bildschirm kaum hin. Wenn du sehen willst, was in deinen Bildern wirklich steckt und woran du als Nächstes arbeiten kannst, ist Stufe 3: deinen eigenen Blick entwickeln dein nächster Schritt – mit echtem Bildfeedback statt reiner Selbsteinschätzung.

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Heiderose

Sehr geehrter Herr Kettermann, schade, dass ich Sie erst jetzt lesen durfte. Ich hätte mir viele Magenschmerzen ersparen dürfen und die richtigen Antworten gewusst. Vielen dank und ich freue mich für alle, die Ihre Erfahrungen und das Fachwissen vermittelt bekommen.
Großartig und irgendwann, noch nicht jetzt, freue ich mich auf Fotos, die Sie von durchschnittlichen Menschen machen. Frauen, älter als die eigenen… und weniger junge Frauen. Die zu fotografieren ist ja einfach nur einfach schön.
Portraits zu portraitieren in ihrer Würde und Verletzlichkeit und in ersten Linie in ihrer Schönheit…ich weiß, dass Sie es können.
Weiterhin wünsche ich Ihnen viel Erfolg.
Mit freundlichen Grüßen Heiderose

Hubert Greiff

Hallo Karsten Kettermann,

bin heute erstmalig auf Ihre Seite geraten.
Nun die Reihe mit Ihrem Model Chrisa von 24mm bis 600mm finde ich sehr gut.
Frage: haben Sie auch eine Reihe wo Sie das Model mit unterschiedlichen Brennweiten aber gleichem Bildausschnitt (Gesicht) gemacht haben, um die diversen Verzerrungen – Größenunterschieden (Bsp. Nase) zu dokumentieren.
Aktuell war ich von einem Kollegen sehr beeindruckt, der meine Porträt Fotos sah und sofort sagte, diese hast Du unter 70mm aufgenommen (waren 66mm). Die Situation war schwierig: hatte im Hotel nur wenig Zeit und musste schnell agieren, nutzte also ein Zoom 24-70mm.
Freue mich über ein Feedback dazu und zu folgender Frage: wenn Sie zwischen Ganz-Körper Porträt und klass. Gesichts-Porträt wechseln im shooting: dann niemals ein Zoom unter 70mm?

Hubert Greiff