Was „Ich sehe da etwas“ wirklich bedeutet

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Langweilige Bilder müssen nicht sein. In diesem Artikel gibt es deshalb eine unbequeme Diagnose für fortgeschrittene Hobbyfotografen.

Lies bitte vorab meinen letzten Artikel Warum viele Fotos inhaltlich leer bleiben. Und auch den übergeordneten Artikel Was ein gutes Foto ausmacht.

Darin ging es um leere Fotos. Nicht technisch leer, sondern inhaltlich.

Also um Fotos, die du beim Zeigen dem Betrachter erklären musst.

Und um Fotos, von denen es fünf Varianten gibt, aber keine klare Nummer 1.

Die Ursache lag dabei nicht in der Technik.

Sondern viel früher – nämlich in dem Moment vor dem Auslösen.

Und genau hier wird es unbequem: Denn in diesem Moment hast du oft geglaubt, bereits eine Entscheidung getroffen zu haben.

Hast du aber nicht!

„Ich sehe da etwas“ – warum dieser Satz täuscht

Ich sehe da etwas“ klingt zunächst nach Klarheit. Wie fotografisches Gespür. Nach Erfahrung.

In Wahrheit beschreibt dieser Satz jedoch nur eines: Deine Aufmerksamkeit ist gebunden. Mehr nicht.

Denn du hast zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden, worum es in diesem Bild eigentlich gehen soll.

Langweilige Bilder: Eine konkrete Situation

Stell dir vor: Du stehst abseits einer Straßenkreuzung auf einem Hügel, das Abendlicht strahlt auf die Kreuzung, wo zwei Fußgänger gerade einen Zebrastreifen überqueren.

Und du spürst: Da ist etwas dran!

langweilige bilder
Viele mögliche Bildthemen gleichzeitig – aber keine klare Priorität. Image by Silver Fox from Pixabay

Viele greifen nun reflexartig mit genau diesem Gedanken im Kopf zur Kamera, machen sich Gedanken zu den richtigen Einstellungen und fangen an zu fotografieren.

Viel zu früh!

Denn hast du in diesem Moment schon entschieden, worum es eigentlich geht?

Ob das Bild vom Licht handelt, von der Anordnung der alten Häuser, von den Fußgängern oder vom klassischen SW-Kontrast?

Nein!

Du hast lediglich festgestellt: Hier ist Potenzial.

Aber Potenzial ist kein Bild. Es ist ein offener Zustand, der langweilige Bilder macht!

Langweilige Bilder: Das Symptom

Genau das erkennst du später an deinem Verhalten.

Du machst ein Foto.

Dann schaust du auf das Display. Und du denkst: „Hm, fast.

Also machst du noch ein Foto, leicht anders. „Könnte besser sein.

Noch eins. „Vielleicht doch der erste Ausschnitt?

Am Ende hast du fünf Versionen desselben Motivs. Jede ein klein wenig anders.

Nicht, weil du experimentieren wolltest.

Sondern weil du nie genau wusstest, wann das Bild eigentlich richtig ist.

Und nein: Das ist kein Zeichen von Sorgfalt, kein Zeichen von Fleiß und auch kein Zeichen von Kreativität.

Das ist das Symptom einer fehlenden Entscheidung!

Das ist ungefähr so, als würdest du einem Taxifahrer in London sagen, dass du nicht zum Piccadilly Circus willst. Der wird dich mit SEHR großen Augen anschauen und dich fragen, wo zum Teufel du denn hin WILLST.
Denn wenn du das Ziel nicht festlegst, kannst du niemals wissen, ob du angekommen bist.

Warum Erfahrung das Problem verschärft

Mehrere Optionen sichtbar – ohne Ziel bleibt jede Richtung gleich beliebig. Image by Herbert Bieser from Pixabay

Anfänger sehen oft nur ein mögliches Foto und fotografieren es dann einfach.

Mit wachsender Erfahrung passiert etwas anderes: Du siehst nicht weniger, sondern mehr.

Plötzlich erkennst du in einem Motiv mehrere mögliche Bilder gleichzeitig: das Licht, die Komposition, den Moment, die Stimmung.

Und dann passiert etwas Typisches: Du siehst vier mögliche Bilder und versuchst, alle gleichzeitig zu fotografieren.

Das funktioniert nicht!

Denn ein Bild kann nicht gleichzeitig von vier verschiedenen Dingen erzählen. Versuchen sie es trotzdem, ergibt das langweilige Bilder.

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Sichtbares Motiv – aber noch keine Entscheidung, worum es im Bild eigentlich gehen soll. Image by Jinwoo Ahn from Pixabay

Wie sich das innerlich anfühlt

An dieser Stelle denken viele Fotografen immer wieder dieselben Sätze:

  • Ich probier mal.
  • Mal schauen, was draus wird …
  • Da ist irgendwas, ich weiß nur noch nicht was.

Frag dich jetzt ehrlich: Kennst du das auch?

Natürlich klingen diese Sätze offen. Neugierig.

Aber sie gaukeln eine Entscheidung vor, die noch gar nicht getroffen ist.

Aber genau darin liegt das Problem.

Denn sie haben alle denselben Effekt: Sie verschieben deine Entscheidung!

Wo die Unsicherheit wirklich entsteht

Diese Unsicherheit entsteht nicht beim späteren Aussortieren. Auch nicht in der Bildbearbeitung. Nicht irgendwann, irgendwie oder durch irgendwen.

Sondern exakt hier: In dem Moment, in dem du stehenbleibst, etwas wahrnimmst und glaubst, das sei bereits eine Entscheidung.

Solange diese Frage ungeklärt bleibt, nimmst du die Unsicherheit mit in jede weitere Handlung.

Das ist wie ein Folgefehler ganz am Anfang einer komplizierten Matheaufgabe: Du kannst danach den besten Rechenweg anwenden (hier: teure Kamera, perfekte Bedienung, saubere Technik), aber das Ergebnis bleibt trotzdem falsch.

Die logische Folge: langweilige Bilder

Was passiert also, wenn du vor Ort nicht weißt, worum es in deinem Bild gehen soll?

Du kompensierst das durch Menge. Mehr Motive. Noch mehr Varianten. Andere Ausschnitte.

In der Hoffnung, dass sich die Entscheidung später irgendwie von selbst ergibt.

Das tut sie nicht!

Im nächsten Beitrag geht es genau darum, warum mehr Auswahl vor Ort dieses Problem nicht löst, sondern verstärkt.

Und mit der Veröffentlichung meines nächsten Beitrags startet auch der Verkauf des Kurses, der all die Herausforderungen adressiert, die wir in diesen drei Blogbeiträgen Schritt für Schritt freilegen.

Erkennst du dich in diesem Beitrag wieder?

Dann hinterlasse unten einen kurzen Kommentar, und wenn es nur ein Wort ist. Ich freue mich drauf!

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10 Kommentare
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Martina

Genau das beschreibt mein Problem! Ich freue mich auf die nächste WC und hoffe, das ich in Zukunft Lösungen dazu finde. Martina

Karin

Bingo – den Nagel auf den Kopf getroffen !!!

Edwin Weber

Ein hilfreicher Artikel. Danke dafür.

Bernd B

Ziemlich das, was mich immer wieder umtreibt.
Bernd

Gabriella

Auf meinen Reisen mache ich oft so «Übersichtsfoto» und versuche dann mit Detailfotos/reduzierten Fotos das zu zeigen, was mir besonders gefällt oder mich beeindruckt. Bei diesen Detailfotos kann ich nach den 3 Blogbeiträgen noch viel lernen und bin gespannt auf die neue Workclass. Danke vielmals dafür.