
Du hast einen Graufilter und fragst dich, wie du ihn praktisch einsetzt? Kurz gesagt: Ein Graufilter ist ein dunkles Glas vor dem Objektiv, das gleichmäßig Licht schluckt. Dadurch kannst du am helllichten Tag mit langen Belichtungszeiten arbeiten – und Bewegung gezielt verwischen: fließendes Wasser, ziehende Wolken, fahrende Autos. Wie das Schritt für Schritt funktioniert und worauf es bei der Belichtungszeit ankommt, zeige ich dir hier.
In meinem Artikel über den Kauf eines Graufilters hast du gelesen, wie du den passenden Filter für dich findest. Jetzt geht es ums Anwenden. Eine Sache vorweg zur Begriffsklärung, weil das oft durcheinandergeht: Ein Graufilter (ND-Filter) dunkelt das ganze Bild gleichmäßig ab – genau darum geht es hier. Ein Grauverlaufsfilter (GND) ist etwas anderes: Er ist nur zur Hälfte abgedunkelt und gleicht zum Beispiel einen zu hellen Himmel aus. Verwechsle die beiden nicht.
Und noch ein Equipment-Hinweis, bevor es losgeht: Ohne ein stabiles Stativ geht hier gar nichts. Bei langen Belichtungszeiten würde sonst nicht nur die Bewegung verwischen, sondern das ganze Bild verwackeln. Wenn du schon dabei bist, leg dir gleich einen Fernauslöser dazu – dann überträgst du beim Auslösen keine Erschütterung auf die Kamera. Für die Fotos in diesem Beitrag habe ich den Graufilter verwendet, mit dem ich auch sonst arbeite; du musst nur die passende Größe für dein Objektiv aussuchen.
So wendest du einen Graufilter an – die wichtigsten Tipps
- Die Stärke des Graufilters bestimmt, wie lang deine Belichtungszeit wird. Über Blende und ISO-Wert kannst du zusätzlich nachsteuern, wenn du flexibler werden willst.
- Pass die Belichtungszeit an die Geschwindigkeit der Bewegung an: Ein gemächlich dahinplätscherndes Bächlein braucht recht lange Zeiten, um zu verwischen. Ein reißender Fluss kommt mit deutlich kürzeren Zeiten aus.
- Die richtige Zeit findest du nur durch Ausprobieren: Mach ein paar Probefotos mit verschiedenen Belichtungszeiten, vergleiche die Ergebnisse und entscheide nach deinem Geschmack.
- Mehr ist nicht immer mehr. Ab einer bestimmten Belichtungszeit nimmt die Verwischung kaum noch zu – dann ist eine noch längere Zeit nur verschenkt.
- Vor allem starke Graufilter machen den Autofokus blind. Dann stellst du zuerst ohne Filter scharf, schaltest den Autofokus ab, setzt den Filter auf und fotografierst – ohne den Fokus danach noch zu verändern.
Belichtungszeit in der Praxis – die Bildreihe
Am besten siehst du an einer Reihe, was die Belichtungszeit mit dem Wasser macht. Alle Aufnahmen sind bei Blende 16 entstanden; die Zeit wird von Bild zu Bild länger, der ISO-Wert entsprechend angepasst. Achte darauf, wie das Wasser zunehmend weicher und ruhiger wirkt – und ab wann sich kaum noch etwas ändert.







Genau das meint Tipp 4: Bei diesem Wasserfall bringt der Sprung von einer auf fünfzehn Sekunden kaum noch einen sichtbaren Gewinn – allein unterhalb des quer liegenden Baumstamms glättet sich die Wasseroberfläche noch ein wenig weiter. Ob dir das den Mehraufwand wert ist, entscheidet dein Geschmack. Bei schnelleren Motiven verschiebt sich dieses Fenster nach unten: Dort reichen oft Bruchteile einer Sekunde.
Graufilter bei bewegten Motiven
Den Graufilter kannst du bei allen Motiven einsetzen, die sich bewegen und deren Bewegung du verwischen möchtest: Autos, Eisenbahnen, Wasser, Bäume und vieles mehr. Deiner Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt.

Klar ist: Das funktioniert nur vom Stativ. Bei den langen Belichtungszeiten würde sonst alles verwischen, nicht nur die Bewegung. Und der Fernauslöser sorgt dafür, dass du beim Auslösen keine Erschütterung auf die Kamera überträgst.
Praxistipp: Manche Graufilter – vor allem die starken – erzeugen bei sehr langen Belichtungszeiten einen Farbstich. Ein automatischer Weißabgleich fängt den meist ab. Falls nicht, korrigierst du ihn nachträglich in einer Bildbearbeitung wie Adobe Lightroom.
Der Okularverschluss – unerwünschten Lichteinfall verhindern
Noch ein Detail, das bei langen Belichtungen über Erfolg oder Fehlbelichtung entscheidet – und das fast niemand kennt: der Okularverschluss. Ein winziges Stück Kunststoff, das bei vielen Kameras mitgeliefert wird, im Karton herumliegt und mit dem kaum jemand etwas anzufangen weiß. Er verschließt den Sucher, damit von hinten kein Licht in die Kamera dringt. Im Workshop meinte ein Teilnehmer dazu mal: „Ach, dafür ist das? Das Ding hatte ich direkt entsorgt!“ – kein Einzelfall.
Wie das Licht durchs Okular auf den Sensor kommt
Licht gelangt auf zwei Wegen in die Kamera: durch das Objektiv und durch das Okular – den Sucher. Stell dir nun vor, du setzt einen sehr starken Graufilter vor das Objektiv. Durch das Objektiv kommt kaum noch Licht herein, durch das Okular aber sehr wohl. Bei einer Spiegelreflex trifft es auf den Spiegel, der während der Belichtung hochgeklappt ist – und dringt an dessen Rändern vorbei auf den Sensor. Das Ergebnis ist eine mehr oder weniger starke Fehlbelichtung, wie im Bild unten. Das willst du nicht.

Also: Vor der langen Belichtung immer den Okularverschluss aufsetzen – und vorher scharf stellen, wie oben beschrieben.
Auch bei Nachtaufnahmen relevant
Derselbe Lichteinfall tritt auch bei Nachtaufnahmen auf – immer dann, wenn von hinten eine Lichtquelle ins Okular strahlt, etwa eine Taschenlampe. Hast du keinen Okularverschluss zur Hand, stell dich einfach zwischen Lichtquelle und Okular. Damit hast du das Problem bei Nachtaufnahmen meist schon im Griff.
Tiefer einsteigen: mit Graufilter fotografieren
Wenn du das Thema systematisch angehen willst, nimmt sich mein Onlinekurs „Fotografieren mit Graufilter“ genau diese Praxis vor. Der Kurs zeigt dir:
- wie du Wasserfälle, turbulente Bäche, das Meer und Wasser allgemein scharf oder kreativ-verwischt fotografierst,
- welche Kameraeinstellungen zu welchem Look führen – in zwei Schritt-für-Schritt-Anleitungen,
- worauf es beim Umgang mit dem Graufilter ankommt und welcher Filter zu dir passt.
Und jetzt wünsche ich dir viel Spaß beim Fotografieren. Hast du schon mit einem Graufilter gearbeitet? Wie sind deine Erfahrungen damit?

Hallo Karsten
Habe den Graufilter noch nicht richtig ausprobiert.Werde deine Tipps ausprobieren.Danke
Bin noch mit Lightroom beschäftigt.Danke für deine Anregung
Immer wieder gerne!
Hallo Karsten,
der Artikel war super, und ich habe deine Ausführungen mit großem Interesse gelesen. Ich stimme dir bezüglich der unterschiedlichen Qualität der Filter voll zu, habe bei Polfiltern mal schlechte Erfahrungen mit einem preiswerten Produkt gemacht. Eine Anregung noch: In die Riege der Graufilter gehören m. E. auch die Verlaufsfilter. Vielleicht kannst du hierzu auch noch ein bis zwei Sätze verlieren.
LG Siegfried
Verlauffilter sind heute unnötig.
Zum einen bist du mit der Tatsache, dass der Verlauf sich in der Mitte befindet, sehr eingeschränkt.
Außerdem kannst du pixelgenaue Verläufe extrem flexibel und mit einem Mausklick in Lightroom erstellen.
Ich finde, das sind unschlagbare Argumente, die das Aus für den Verlauffilter bedeuten.
Hallo Karsten – das ist mal wieder ein TOP-Beitrag. Klasse Fotos – sehr anschaulich ???? Ein bestimmtes Projekt mit Graufilter-Einsatz habe ich ja noch, aber vorher gibt es noch ein paar andere Projekte…
Ich freue mich natürlich auf die nächsten Beiträge von dir ????
Ach ja – jetzt weiß ich, was ich mir nochmal besorgen sollte…-Einen Okularverschluss
Danke für’s Lob.:-)
Schau mal in die Kameraverpackung, falls du sie noch hast. Da ist meist ein Okularverschluss drin. 🙂 Wüsste nicht, ob man die irgendwo kaufen kann … Moment mal … doch kann man: Okularverschluss 🙂
bei meiner Lumix DMC FZ 200 ist bei Blende 8 schluss.
Das ist völlig normal bei Kameras mit kleinen Sensoren. Aber tröste dich: Die Schärfentiefe ist bei Blende 8 an deiner genau so groß, wie die Blende 16 an meiner APS-C.
Und wenn du die Lichtmenge reduzieren willst, weißt du ja jetzt, wie es geht: Mit deinem Graufilter! 🙂
Lieber Karsten
Danke für die prima Erklärungen!
Eine Frage: Welche Filterstärke (64?) hast du bei den Praxisbeispielen (Bach) gebraucht?
Lg: Felix
Gerne, lieber Felix. 🙂
Ja, bei diesen Fotos habe ich tatsächlich einen 64-fach Filter verwendet. Diesen hier: http://amzn.to/2mw4cLX
Ich ergänze das auch nochal oben im Text.
Es gab mal eine Zeit, da war es durchaus „salonfähig“, Wasser und Wasserfälle so abzubilden, dass die einzelnen Tropfen noch sichtbar waren … ich mag das nach wie vor, wenngleich auch die verwischten Wasserspuren toll aussehen!
Das ist doch das Schöne an der Fotografie: jedem das Seine! 🙂
Hallo Karsten, kannst du mir bitte die letzten drei Bilder von dem Bachlauf näher erklären. Ich hab jetzt hin und her gerechnet und komme zu keinem Ergebnis. Und zwar verstehe ich nicht, wie du mit den angegebenen Werten auf die durchweg richtige Belichtung kommst. Wie gesagt, die letzten drei Bilder nur.
LG Renee
Gut aufgepasst! 🙂 Du hast einen kleinen Fehler gefunden: Beim letzten Foto hatte sich eine 4 reingemogelt. Mit ISO 1400 wird die Belichtungszeit natürlich wieder kürzer. Ich habe das oben korrigiert.
Ansonsten habe ich die ersten 5 Fotos jeweils mit unterschiedlichen ISO-Werten gemacht, um die Zeiten zu verkürzen. Die beiden letzten Fotos wurden mit unterschiedlich starken Graufiltern gemacht. Jetzt passt es, oder? 😉
Genau, nun ist es schlüssig und ich kann es nachvollziehen …… Vielen Dank für den Beitrag und die Antwort.