Ein gutes Foto entsteht nicht zufällig – es ist komponiert. Mit einem einfachen Trick bringst du die Elemente deines Bildes so zusammen, dass der Blick des Betrachters hängen bleibt. Genau den zeige ich dir hier.
Was ist Bildkomposition?
Bildkomposition – auch Bildgestaltung genannt – ist das vorteilhafte Arrangieren der Motivteile auf der Bildfläche, sodass das Auge des Betrachters angezogen wird und möglichst lange im Bild verweilt. Sie ist die Lehre der fotografischen Gestaltungsmittel: Wie du Formen, Flächen, Farben und Kontraste anordnest, entscheidet, ob ein Foto fesselt oder langweilt. Gelingt dir das, entlockst du dem Betrachter ein „Wow“ – daher der Name WOW-Effekt.
Der kleine Trick: vereinfachen und Störendes ausschließen
Der Trick lässt sich mit der Merkhilfe S + EX beschreiben – zwei englische Begriffe: Simplification (Vereinfachung) und EXclusion (Ausschluss). Du vereinfachst dein Bild und schließt alle störenden, ablenkenden Elemente so lange aus, bis das aussagekräftigste und gleichzeitig einfachste Bild übrig bleibt. Der Rest muss nur noch zueinander ausbalanciert werden – fertig ist ein starkes Foto. Organisier die Elemente so, dass das Bild auch für jemanden spannend ist, der beim Fotografieren nicht dabei war.
Auf Formen und Flächen schauen statt auf Details
Wenn ich ein Foto komponiere, achte ich gar nicht auf Details und Texturen – die sind für die Komposition unwichtig. Stattdessen kneife ich die Augen zusammen, bis das Motiv unscharf wird (Brillenträger nehmen die Brille ab). Dann erkenne ich nur noch die Hauptelemente als Formen und Flächen – und genau die ordne ich so an, dass eine möglichst starke Bildaussage entsteht. Alles andere lasse ich weg.
Perspektive und Standpunkt – der unterschätzte Hebel
Hier liegt der häufigste Denkfehler: Zoomen hat mit Komposition nichts zu tun – der Zoomring legt nur den Bildausschnitt fest. Viele glauben trotzdem, Zoomen könne eine Veränderung des Standpunkts ersetzen. Das stimmt nicht. Nur dein Standpunkt verändert die Beziehung der Elemente zueinander – wie sie sich überlappen, was im Vorder- und was im Hintergrund liegt. Geh näher heran, weiche zur Seite aus, geh in die Knie für einen tiefen Standpunkt: Jeder dieser Schritte verändert dein Bild grundlegend, ein Dreh am Zoom nicht.
Bildkomposition in der Praxis: ein Beispiel
Ich laufe durch den Wald und stehe plötzlich vor diesem Motiv: zwei Bänke, über die eine Buche wie ein schützendes Dach wächst (bemerkenswert, weil Buchen unten am Stamm normalerweise keine Zweige haben). Mein erster Reflex – Kamera ans Auge, am Zoom drehen, um das Motiv „heranzuholen“:

Im oberen Bild ist alles zu weit weg, du bist nicht richtig am Motiv dran. Brauche ich den Baum im Vordergrund und die Stämme links und im Hintergrund, wenn ich doch Bänke und Dach zeigen will? Nein. Also: an S + EX denken, vereinfachen, Überflüssiges weglassen. Ich gehe mit dem Standpunkt ganz nah an die erste Bank heran und zusätzlich tief – schon kommt das „Dach“ zur Geltung, und die störenden Bäume im Hintergrund verschwinden:

Weiterlesen
Dein Standpunkt ist für die Bildwirkung fast wichtiger als Kamera und Ausrüstung. Wie du Bildkomposition Schritt für Schritt bewusst einsetzt, statt sie dem Zufall zu überlassen, vertiefe ich in Bewusster fotografieren.
Neu hier?
Fototipps per E-Mail erhalten – inklusive Kamera-Entscheidungskarte
Du erhältst von mir regelmäßig fotografische Praxis-Impulse per E-Mail, Hinweise auf neue Inhalte sowie gelegentliche Angebote zu meinen Fotokursen und Produkten. Als Dankeschön für deine Anmeldung sende ich dir nach Bestätigung deiner E-Mail-Adresse die Kamera-Entscheidungskarte zu. Du kannst deine Einwilligung jederzeit über den Abmeldelink in jeder E-Mail mit Wirkung für die Zukunft widerrufen. Weitere Informationen findest du in der Datenschutzerklärung.
Im Moment vor dem Auslösen bleibt selten Zeit, einen Artikel nachzulesen. Deshalb passt die Kamera-Entscheidungskarte auf ein Blatt: vorn fünf Entscheidungen in fester Reihenfolge, hinten eine ruhige Fehlersuche für den Fall, dass ein Bild nicht klappt. Danach schreibe ich dir regelmäßig, worauf ich beim Fotografieren achte und wie ich Entscheidungen treffe.

Hallo Karsten,
die Aufnahme ist sehr gut. Das gleiche Thema hatte ich in der VHS Erlangen bei Hr. Krugmann
besprochen. Wenn man dann später vor so einen Bildausschnitt steht, muss man sich an das erlernte erinnern können. Also viel Übungen.
Hier ist es kalt und Schnee und doch ein warmes Wochenende für Dich
Gruß Manfred
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. (Kästner)
Also hau rein! Kälte ist kein Hinderungsgrund. 😉
Hi Karsten,
schön beschrieben – das verstehe selbst ich 🙂
Sind es denn wirklich die identischen Brennweiten? Das untere wirkt auf mich schon etwas „weitwinkliger“.
Gruß
Klaus
Habe ich von identischen Brennweiten geschrieben? Nein!
Du hast Recht, das untere wurde mit einer starken Weitwinkel-Brennweite gemacht, das obere mit einer Brennweite nahe am Normalobjektiv.
Gut erkannt! 🙂
Boah, danke fürs Teilen dieser Sichtweise! Unter dem Aspekt des Themas „Bänke mit Dach“ leuchtet mir das auch ein. Dennoch, ich habe jetzt beide Bilder lange betrachtet und komme zu dem Schluss, dass mir ersteres besser gefällt, weil es die Verlassenheit und Weite des Waldes und die Unendlichkeit des Weges zeigt. Ist das jetzt abhängig vom persönlichen Erleben – oder bin ich untalentiert/beratungsresistent?
Hahahaaa, super Anke! Ob du nun untalentiert bist oder nicht – natürlich darfst du deinen eigenen Geschmack haben!!!
Und wenn dir das erste Foto besser gefällt, auch gut. Klar, wenn es um Verlassenheit und die unendlichen Weiten des Waldes geht, dann kommt das erse Foto natürlich besser.
Jedem Tierchen sein Pläsierchen! 🙂
Hallo Karsten,
danke für deine tollen Tips!
Immer gerne mehr davon!
Grüße aus Soest
Andreas
Freut mich, dass du meine Beiträge magst! 🙂
Toll alles noch mal zu lesen. Ich habe nur das Gefühl je mehr in den Kopf soll und man umsetzen
will je weniger klappt es. Brauche noch Zeit. Lese aber gerne weiter.
Lass dir Zeit, das kommt von alleine. Irgendwann denkst du gar nicht mehr darüber nach, sondern dann machst du das ganz intuitiv! Wart’s ab! 🙂
Nochmals Hey,
Meist bin Ich nicht alleine Unterwegs, dann heist es gleich für was willst du die alten Bänke Fotografieren!Ja es ist richtig man muß sich mehr Zeit nehmen.Gruß
Beim Fotografieren lernen muss man gleichzeitig sein Umfeld mit erziehen. Ist leider so. 😉
Hallo Karsten, sehr gut beschrieben. ..es passiert uns doch immer wieder das wir vieeele Bilder machen , welche dann bei genauerem Betrachten einfach nur langweilig erscheinen.Deine Tipps bringen einen dazu verschiedene Positionen bei der Motivwahl auszuprobieren. Weiter so.
Hey Holger, schönen Dank. Ja, ist richtig: Die Wahl des perfekten Standpunkts macht viel aus – ist immerhin 1/4 der Fotografie!! 🙂
Hallo Karsten,
Danke für den Tipp ,die Brille abzunehmen, um das Wesentliche zu erkennen für das Foto.
Wunderschöne Aufnahme !
Viele Grüße
Evi
Ja, manchmal kann die Lösung so einfach sein! 🙂 Gern geschehen! 🙂
Ein sehe guter Beitrag, der zeigt, dass es eben NICHT nur auf teures Equipment und die richtige Balance zwischen Iso-Wert, Blende und Belichtungszeit ankommt. Das denken ja viele Fotografie-Anfänger. Heraus kommen dann langweilige Dokumentarfotos.
Was aber ebenso wichtig ist: die Regeln der Fotografie und als Krönung: deren geschickte Verknüpfung.
So isses! 🙂
Ich liebe es zu fotografieren, allerdings mit meinem Handy. Natürlich ist es nicht zu vergleichen mit einer professionellen Kamera, aber das sind trotzdem sehr gute Tipps. Danke.
Lg Tilda
Am Beispiel der Bänke wird deutlich, dass Vereinfachen zuerst eine Entscheidung über die Bildaussage ist. Ankes Kommentar zur Weite des Waldes ergänzt das gut: Was für das Motiv „Bänke unter einem Dach“ stört, kann für das Thema Verlassenheit wichtig sein. Ich arbeite an LOVIMG (https://lovimg.com/), einer Sammlung visueller Beispiele und Bildprompts. Auch beim Formulieren einer Bildidee hilft diese Reihenfolge: erst die Aussage, dann die Beziehungen zwischen Vordergrund und Hintergrund, zuletzt die Details. Das Zusammenkneifen der Augen ist dafür ein anschaulicher Test, ob die grossen Formen die beabsichtigte Wirkung bereits tragen.
Das ist ein guter Ansatz für ein KI-Bild.