Warum mehr ISO dein Available-Light-Foto nicht automatisch besser macht

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Eine Available Light-Situation: Du sitzt in einem Restaurant, gegenüber jemandem, den du gerne fotografieren willst. Warmes Licht, ruhige Stimmung, die Person erzählt etwas, das dich interessiert. Du hebst die Kamera. Die Belichtungszeit ist gefühlt so lang wie das ungeduldige Warten auf den verspäteten Bus. Du drehst ISO hoch, stützt den Ellenbogen auf den Tisch, hältst die Luft an – und irgendwann ist tatsächlich ein scharfes Bild dabei.

Zuhause schaust du es dir an. Es ist scharf. Es ist sogar halbwegs richtig belichtet. Aber da hast du schon Besseres abgeliefert.

Den Reflex kenne ich. Ich kenne ihn von Teilnehmern in Bildbesprechungen, ich kenne ihn aus meinen eigenen frühen Jahren als Fotograf. Wenn es dunkel beim Fotografieren ist, wirkt mehr Licht wie die Antwort. Mehr ISO. Lichtstärkeres Objektiv. Stativ. Beim nächsten Mal vielleicht doch ein kleiner Blitz … ?!

Ich habe lange überlegt, warum mich diese Logik nie ganz überzeugt hat. Inzwischen glaube ich, die Frage ist falsch gestellt.

Was „Available Light“ eigentlich heißt

Es sagt erst einmal nur eines: das Licht, das jetzt gerade am Aufnahmeort vorhanden ist. In der Praxis meinen wir damit aber meistens Situationen, in denen das Licht nicht perfekt, nicht aufgebaut und nicht frei kontrollierbar ist: Innenräume, Dämmerung, Restaurants, Fensterlicht, Kunstlicht, Bühnen, Straßenlicht.

Trotzdem denken viele beim Wort „Available Light“ sofort an „zu wenig Licht“. Verständlich, weil viele berühmte Available-Light-Bilder aus Innenräumen, Konzerten, Restaurants oder Dämmerungssituationen stammen. Aber diese Verkürzung ist eine Falle.

Die andere Falle wäre allerdings, Available Light so weit zu fassen, dass plötzlich jedes Foto bei bestem Sonnenschein darunterfällt. Das hilft dir auch nicht weiter. Interessant wird Available Light dort, wo du mit dem Licht arbeiten musst, das die Situation dir gibt.

Wann ISO die richtige Antwort ist und wann nicht

Available light

Das hier soll keine Abrechnung mit der Technik sein: ISO 6400 ist heute locker echt brauchbar. Lichtstarke Objektive sind ein Segen. Wer bei einem Konzert in der zweiten Reihe steht, das Licht schwarzblau und zuckend, die Bühne fünf Meter weit weg, der braucht beides.

Aber das ist eine andere Frage. Es ist die Frage: Wie bekomme ich überhaupt ein scharfes Bild? Sie ist technisch lösbar.

Die Frage, die ich in den meisten Bildbesprechungen sehe, ist eine andere. Sie lautet: Warum funktioniert dieses Bild nicht? Warum ist es scharf, sauber belichtet, technisch unauffällig und trotzdem irgendwie farblos, blass und blutleer?

Und auf diese Frage ist mehr Technik selten die Antwort.

Schauen wir genauer hin

Ein konkretes Beispiel. Du fotografierst jemanden im Wohnzimmer. Sonniger Nachmittag, Fenster im Rücken der Person. Dein Reflex: möglichst nah ans Fenster, weil dort das Licht stärker ist und du dir so keine Probleme einheimst. Du fotografierst aus etwa anderthalb Metern Entfernung, frontal, gegen das Licht. Das Gesicht wird flach. Die Augen rutschen in den Schatten. Wenn du um zwei Lichtwerte (Zeit- oder Blendenstufen) aufhellst, wird der Hintergrund weiß und brennt aus. Jooooahh, kann machen ….

Jetzt die gleiche Situation, aber anders angegangen:

Die Person geht zwei Schritte vom Fenster weg in den Raum hinein. Du selbst stehst auch zwei Schritte vom Fenster weg, das sich jetzt neben dir befindet. Dein Model dreht den Kopf halb zu dir. Plötzlich kommt das Fensterlicht von schräg vorne auf das Gesicht. Es gibt einen lebendigen Lichtpunkt im Auge. Eine Kante an der Wange. Einen kleinen Schatten unter der Nase, der das Gesicht modelliert. Das Bild bekommt Tiefe und das, obwohl du an der Kamera nichts verändert hast. ISO gleich, Blende gleich, Belichtungszeit fast gleich.

Zwei Schritte haben mehr verändert als zwei Lichtwerte.

Und genau da beginnt Available Light. Nicht bei ISO. Nicht bei der lichtstarken Festbrennweite. Sondern bei der Frage: Wo stehe ich im Verhältnis zum Licht?

Warum dir das nicht auffällt

Wenn ich Teilnehmer in Bildbesprechungen auf eine Lichtsituation aufmerksam mache – „Schau mal, das Licht kommt nicht vom Fenster, sondern vom Spiegel an der Wand“ — dauert es oft drei Sekunden, bis sie es erkennen. In den ersten zwei Sekunden sehen sie noch das, worauf sie vorher konzentriert waren: das Motiv. Erst danach lösen sie sich davon und sehen plötzlich das Licht.

Das ist kein Talentproblem. Es ist Wahrnehmung. Sobald deine Aufmerksamkeit am Motiv klebt, verschwindet das Licht aus deinem Bewusstsein.

Deshalb fällt dir erst später am Bildschirm auf, dass z. B. die Lampe im Hintergrund schief in den Bildrand schneidet, dass das Gesicht vom reflektierenden Schreibtisch heller beleuchtet war als vom Fenster, dass der eigentliche Lichtwurf von einem Spiegel an der Wand kam, den du nicht bemerkt hast. Im Moment des Fotografierens hattest du das alles nicht bemerkt. Ach, hätten die Dinge doch eine Stimme, die dich warnen könnte. So lange sie das aber nicht haben, willst du selbst da ran.

Available Light scheitert selten an mangelnder Helligkeit. Es scheitert daran, dass du das Licht im Moment des Auslösens nicht zur Priorität gemacht hast.

Available light

Was das praktisch heißt

Die Reihenfolge entscheidet: erst Motiv UND Licht lesen, dann alle fotografischen Mittel so wählen, dass beides optimal im Bild wirken kann, erst dann auslösen. Wer das einmal umstellt, fotografiert in vorhandenem Licht andere Bilder. Nicht weil er mehr weiß, sondern weil er an einer anderen Stelle anfängt zu denken.

Wann du auf Available Light reagieren musst, woran du die Qualität des Lichts erkennst, in welchen Situationen ISO doch die richtige Antwort ist und wann nicht, all das fasse ich im DeepDive zusammen, den ich nächste Woche veröffentliche. Hier wäre es zu viel auf einmal.

Available Light: drei Sätze, die du mitnehmen kannst

Wenn dir das jetzt ein bisschen zu viel war: drei Sätze als Anker.

Available Light bedeutet nicht: wenig Licht. Es bedeutet: Vorhandenes Licht bewusst nutzen.
ISO rettet vielleicht deine Belichtungszeit. Aber es macht aus schlechtem Licht noch kein gutes Bild.
Der wichtigste Schritt passiert vor dem Einstellen der Kamera: Du musst zuerst erkennen, was das vorhandene Licht mit deinem Motiv macht.

Wo das hinführt

In welcher Lichtsituation ist dir schon einmal aufgefallen, dass ein ein Bild, scharf und richtig belichtet, aber irgendwie nichtssagend aussah? Solche konkreten Situationen helfen mir mehr als Theorie. Schreib es in die Kommentare und las suns drüber reden.

Wenn dich diese Frage schon länger umtreibt: Ich habe sie zu einem 90-Minuten-DeepDive verdichtet. Available Light meistern öffnet am Freitag, dem 15. Mai, um 19 Uhr. Im DeepDive zeige ich dir, wie du vorhandenes Licht in wenigen Sekunden einschätzt: Richtung, Härte, Kontrast, Farbe und was du dann konkret mit Standort, Belichtung, ISO, Weißabgleich und Bildausschnitt machst.

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Friedrich Schafferer

Hallo Karsten, ich verwende schon sehr lange keine künstliche Lichtquelle da ich stets versuche aus der vorhandenen Gegebenheit das Maximum heraus zu holen.
Die Regeln der Bildgestaltung anwenden und event. den Standort ändern, ist mein erster Schritt. Wenn ich mit dem Bildausschnitt nicht zu Recht komme, wechsle ich die Brennweite. ISO erhöhen verfälscht das Bild so wie es sich darstellt. Jede künstl. Lichtquelle verfälscht den optischen Eindruck. Blitzen geht gar nicht.
Mit der Fotografie habe ich als Gymnasiast mit einer „AGFA CLACK“, da gab es nichts zum einstellen. Mittlerweile arbeite ich mit einer „OLYMPUS OMDI,MK2“ die alle techn. Möglichkeiten bietet. Aber das Wichtigste bleibt für mich die Bilfgestaltung, die Brennweite, Blende und Verschlusszeit. Wenn es situationsbedingt nicht anders geht und es schnell gehen muss, schalte ich auf Automatik und korrigiere dann mit PS und LR. Ich will die Atmosphäre des Motivs naturgetreu einfangen. Was meinst du, bin ich auf dem richtigen weg?
Liebe Grüße, Friedrich