Autofokus verstehen – statt ihm ausgeliefert zu sein

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Warum deine Kamera trotz Autofokus kein Hellseher ist – und wie du endlich festlegst, was wirklich scharf wird

Du kennst diese Situation.
Du kommst vom Kindergeburtstag nach Hause.
200 Bilder auf der Karte.

Und ausgerechnet das eine Foto – Kerzen werden ausgepustet, alle lachen, das Licht ist perfekt – ist unscharf.

Nicht „ein bisschen“.
Sondern so richtig daneben.

Die Tortenplatte im Vordergrund: knackscharf.
Das lachende Kind dahinter: Matschepampe.

Und du fragst dich:
„Wieso passiert mir das immer wieder – trotz der teuren Kamera?“

Die Antwort ist simpel, unbequem und befreiend zugleich:

Deine Kamera ist kein Hellseher.
Sie weiß nicht, was dir wichtig ist.
Denn sie fokussiert, was ihr logisch erscheint und nicht das, was du willst.

Schärfe entsteht nicht durch Technik, sondern durch Kontrolle.
Und genau die holen wir uns heute zurück.

1. Wie Autofokus wirklich denkt – und warum er sich so oft irrt

Autofokus ist keine Magie.
Er analysiert nichts.
Verstehen tut er auch nichts.
Er erkennt keine Bedeutung.

Er sieht nur zwei Dinge:
1. Helligkeit
2. Kontrast

Ein unscharfes Bild hat weiche Übergänge. Ein scharfes Bild hat harte Kanten.

autofokus
Auf solch einem Blatt findet der Autofokus genügend Kontrast zumScharfstellen. Bild von Christel SAGNIEZ auf Pixabay

Mehr kann die Kamera nicht messen.
Sie sieht nicht, dass dir der Gesichtsausdruck wichtig ist.
Sie sieht nur: „Hier ist eine starke Kante. Da stelle ich scharf.“

Und jetzt kommt ein Teil, den die wenigsten Hobbyfotografen wirklich verstehen:
Kontrast ist das einzige Signal, das ein Autofokus-System eindeutig messen kann.

Deshalb fokussiert die Kamera:

  • auf den Zaun statt auf die Person dahinter
  • auf die Ziegelwand statt auf das Modell davor
  • auf die Tortenplatte statt auf das Kind
  • auf die Baumrinde statt auf den Hund

Nicht, weil sie „falsch“ ist.
Sondern weil sie Kontrast vor Bedeutung stellt!

2. Die Autofokus-Modi: Warum sie deine Schärfe ruinieren oder retten

Hier beginnt die Kontrolle.

Es gibt drei Modi, die du wirklich verstehen musst:

Einzel-AF (AF-S / One Shot)

Du setzt den Fokus einmal auf dein unbewegtes Motiv und fertig.

Perfekt für:

  • Porträts
  • Landschaft
  • Architektur
  • ruhige Motive

Gefahr:
Bewegst du dich danach nur einen Schritt, ist der Fokus futsch.

Nachführ-AF (AF-C / AI Servo)

Die Kamera verfolgt das bewegte Motiv kontinuierlich, solange du den Auslöser halb gedrückt hältst.

Perfekt für:

  • Kinder
  • Tiere
  • Sport
  • Alltagssituationen mit Bewegung

Gefahr:
Wenn du den Autofokus-Punkt nicht die ganze Zeit auf deinem Motiv platziert hältst, „rutscht“ er ab und stellt sehr wahrscheinlich irgendwo auf dem Hintergrund scharf.

Automatik-AF (AF-A / AI Focus)

Hört sich schlau an. Ist es aber nicht! So sehr, dass das immer das Erste ist, was ich an einer neuen Kamera abschalte. Denn leider halten die Kamerahersteller diese Einstellung für geeignet, absolten Anfängern hilfreich zu sein.

Die Kamera entscheidet dabei, ob sie die Szene für statisch oder dynamisch hält.

Manchmal ist das richtig.
Oft ist das völlig daneben.

Weißt du, was du willst, ist diese Einstellung absoluter Blödsinn. Wenn du Kontrolle willst: Nicht verwenden!

3. Die Fokusfelder – der wahre Gamechanger, den kaum jemand beherrscht

Wenn du wissen willst, warum deine Kamera manchmal perfekt scharfstellt – und manchmal völlig daneben liegt – dann liegt die Antwort fast immer hier: Beim AF-Feld.

Nicht beim Autofokus-Modus.
Auch nicht bei der Kamera.
Erst recht nicht bei dir.

Die AF-Felder bestimmen, worauf genau deine Kamera scharfstellt. Durch die Wahl von Größe und Position legst du fest, wohin das System „schaut“ und welchen Teil des Motivs es priorisiert.

Die meisten Hobbyfotografen verstehen nur zwei Arten von Fokusfeldern:
„ein Punkt“ oder „alles automatisch“.

In Wirklichkeit gibt es acht AF-Feld-Optionen, die jede spiegellose Sony, Canon, Nikon oder Fuji heute bietet.
Und erst wenn du diese Felder bewusst einsetzt, hast du den Autofokus wirklich im Griff!

Hier ist die Übersicht – in klaren Kategorien, genau so, wie sie gleich in der großen Vergleichstabelle weiter unten sortiert sind.

1. Einzelfeld – maximale Kontrolle

Das Einzelfeld ist der präziseste Fokuspunkt, den deine Kamera bietet.
Ein kleiner Punkt im Sucher, der exakt dort scharfstellt, wo du ihn platzierst.

Bei allen Herstellern heißt er ähnlich:

  • Sony: Flexible Spot (S/M/L)
  • Canon: 1-Punkt-AF / Spot-AF
  • Nikon: Single-Point AF / Pinpoint AF
  • Fuji: Single Point

Das ist die Einstellung für:

  • Porträts
  • Architektur
  • Stillleben
  • Detailaufnahmen
  • Situationen, in denen JEDE Scharfstellung auf den falschen Teil des Motivs sichtbar wäre

Wenn du willst, dass der Fokus sitzt, nimm ein Einzelfeld!
So einfach ist das.

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Ein sitzender Hund ist wunderbar für ein einzelnes Autofokus-Feld geeignet. Bild von Dann Aragrim auf Pixabay

2. Erweiterte Punktmodi – wenn du etwas Unterstützung brauchst

Einzelfelder sind präzise, aber sie verzeihen nur sehr wenig Bewegung:
Wenn dein Motiv sich leicht bewegt verliert der AF-Punkt es schnell. Außerdem: Wir Menchen sind einfach keine Stative, deshalb unterliegen wir ständig posturaler Schwankungen, die wir ausgleichen müssen. Auch das kann zu Unschärfen führen. Und das tut es viel öfter, als es uns lieb sein kann.

Dafür gibt es „erweiterte Punkte“:

  • Sony: Expand Flexible Spot
  • Canon: AF-Erweiterung (4/8 Felder)
  • Nikon: Wide-Area Small/Large
  • Fuji: Zone Small

Hier bleibt die Kontrolle bei dir – aber die Kamera darf um den Punkt herum unterstützen.

Ideal für:

  • Kinder
  • Tiere in ruhiger Bewegung
  • Street-Fotografie
  • Alltagsszenen, wo du präzise sein willst, aber nicht millimetergenau nachführen kannst

Das ist die goldene Mitte zwischen Kontrolle und Komfort.

3. Zonen-AF – der Assistent, der innerhalb eines Bereichs denkt

Bei Zonen-AF gibst du nicht einen Punkt vor, sondern einen Bereich.
Die Kamera entscheidet innerhalb dieser Zone, wohin sie scharfstellt.

Hersteller-Bezeichnungen:

  • Sony: Zone
  • Canon: AF Zone
  • Nikon: Wide-Area AF S/L
  • Fuji: Zone (Small/Medium/Large)

Das ist die Einstellung für:

  • Reportage
  • Hochzeiten
  • Street
  • Menschenmengen
  • Szenen mit mehreren möglichen Motiven

Zone ist kein Vollautomatikmodus.
Zone ist:
Du definierst das Spielfeld – die Kamera sucht den Spieler. Welchen Spieler genau kannst du aber nicht 100%ig bestimmen!

4. Auto-Area – die Kamera wählt ALLES selbst

Das ist der Modus, bei dem der Fotograf hofft – und die Kamera entscheidet.

  • Sony: Wide / Auto
  • Canon: Automatische Messfeldwahl
  • Nikon: Auto-Area AF
  • Fuji: Wide/Tracking

Funktioniert perfekt bei:

  • einem Gesicht
  • einem klaren Motiv in der Mitte
  • einfachen Szenen

Funktioniert schlecht bei:

  • mehreren Menschen
  • unruhigen Szenen
  • Vordergrund-Objekten
  • Gegenlicht

Merksatz:
Auto-Area ist nur ein unerfahrener Assistent – nicht der Boss.
Du nutzt ihn, aber du gibst die grobe Richtung vor.
Klingt gar nicht gut? Deshalb rate ich auch davon ab.

5. Tracking – wenn das Motiv sich im Bild bewegt

Tracking ist kein eigenes AF-Feld – es ist ein Zustand:
Die Kamera verfolgt ein Motiv quer über alle Autofokus-Felder.

  • Sony: Real-Time Tracking
  • Canon: iTR Tracking
  • Nikon: Subject Tracking
  • Fuji: AF-C + Tracking

Wenn du Tracking aktivierst, passiert Folgendes:

Du startest mit einem Punkt oder einer Zone.
Dann merkt sich die Kamera Farbe, Kontrast und Form –
und folgt dem Motiv, egal wohin es im Bild wandert. Wenn alles gut für dich läuft …

Perfekt für:

  • Sport
  • Tiere
  • spielende Kinder
  • Straßenfotografie

Aber Vorsicht:
Wenn du falsch startest, verfolgt die Kamera das falsche Objekt perfekt.

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Mit Tracking kannst du Motive in Bewegung verfolgen und schnell scharfstellen. Bild von devendarreddy404 auf Pixabay

6. Motiverkennung – das smarte Extra

Motiverkennung (Gesicht, Auge, Tier, Vogel, Fahrzeug) ist das Feature, das viele für Magie halten.

Aber auch hier gilt:
Motiverkennung arbeitet innerhalb deiner gewählten AF-Feldlogik.

Das bedeutet:

  • Wenn du nur eine Zone vorgibst, sucht Eye-AF nur dort.
  • Wenn du Auto-Area nutzt, sucht Eye-AF überall.
  • Wenn du Einzelfeld nutzt, hat Eye-AF kaum Spielraum.

Eye-AF ist also kein Autopilot.
Es ist ein Assistent, dessen Wirkung vom AF-Feld abhängt.
Und auch hier wird es schwierig, wenn mehrere gleiche Motive im Ausschnitt sind oder wenn das Motiv sich plötzlich umdreht. Hinterkopf-Augen sind nicht allzu verbreitet auf diesem Planeten. 😉

7. Fokusfeld-Speicherung – für schnelle Wechsel

Fast alle Hersteller erlauben, ein bestimmtes AF-Feld zu speichern:

  • Sony: AF Area Registration
  • Canon: AF-Punkt-Registrierung
  • Nikon: Messfeldspeicherung
  • Fuji: AF-Point Memory

Das ist Gold wert, wenn du z. B. immer wieder zwischen linkem und rechtem Bildaufbau springen musst.

8. Touch-Fokus – antippen statt navigieren

Alle modernen spiegellosen Kameras haben Touch-Fokus:

  • Tippen → Fokus liegt dort
  • Wischen → Fokusfeld verschieben
  • Halten → Tracking starten (modellabhängig)

Gerade bei Reportage oder Street spart dir das Sekunden und rettet Momente. Vorausgesetzt, du stehst noch ganz am Anfang. Erfahrene Fotografen wollen genau festlegen, worauf genau sie scharfstellen und nutzen oft ein Einzelfeld.

Autofokus-Regel:

Je kleiner die Fokusfläche, desto mehr Kontrolle hast du.
Je größer die Fokusfläche, desto mehr Kontrolle hat die Kamera.

Hier kommt die große Vergleichstabelle, in der ich alle diese AF-Feld-Typen sauber gegenüberstelle – Sony, Canon, Nikon und Fuji im direkten Vergleich, ohne Marketing-Begriffe, nur nach Funktionslogik sortiert.
Wichtig: Hier sind nur die Einstellungen moderner spiegelloser Kameras aufgeführt!
Solltest du einen Fehler finden, freue ich mich auf deinen Kommentar.

Funktion / LogikSonyCanonNikonFuji
Einzelfeld (präzise)Flexible Spot (S/M/L)1-Punkt-AF / Spot-AFSingle-Point AF / Pinpoint AFSingle Point
Erweiterter PunktExpand Flexible SpotAF-Erweiterung (4/8 Punkte)Wide-Area (Small/Large)Zone SMALL (funktional vergleichbar)
Zonen-AF (mittlere Bereiche)ZoneAF ZoneWide-Area S / LZone (Small/Medium/Large)
Vollautomatische FlächenauswahlWide / AutoAutomatische AF-MessfeldwahlAuto-Area AFWide / Wide-Tracking
Tracking-ModiReal-Time Tracking (Spot/Zone/Wide)iTR TrackingSubject Tracking / 3D-like AFAF-C + Tracking
Erkennungs-AF (Gesicht/Auge)Echtzeit Eye-AF (Mensch/Tier/Vogel)Augen-/Gesichtserkennung + Tier-AFMotiv/Auge (Mensch/Tier/Fahrzeug)Face/Eye Detection
Fokusfeld-SpeicherungAF Area RegistrationAF-Punkt-RegistrierungMessfeldspeicherungAF-Point Memory
Touch-Fokus / Touch-TrackingTouch Focus + Touch TrackingTouch AF + Touch & Drag AFTouch AFTouch AF / Touch Tracking (modellabhängig)

    4. Die Logik der automatischen AF-Feldwahl – so denkt deine Kamera wirklich

    Wenn du viele Felder aktiv hast, entscheidet die Kamera nach klaren Regeln:

    Ohne Motiverkennung:

    • nächstes Objekt gewinnt
    • stärkster Kontrast gewinnt
    • Mitte wird bevorzugt
    • innerhalb mehrerer Felder gewinnt das hellste oder kontrastreichste

    Mit Motiverkennung (moderne Kameras ab ~2020):

    • Gesichter
    • Augen
    • Körper
    • Tiere
    • Vögel
    • Fahrzeuge

    Die Kamera erkennt Muster.
    Aber keine Bedeutung!

    Dass dein Motiv wichtig ist, weiß sie nicht. Welchen Teil des Motivs du mit der größten Schärfe wiedergeben möchtest, weiß sie auch nicht.

    5. Fokussieren ist nicht nur Moduswahl – es ist Technik

    Hier steigen Fortgeschrittene ein.

    Fokus speichern (Fokus setzen + komponieren).

    Ich nenne das auch Quick ’n Dirty-Scharfstellung.

    Der Klassiker.

    1. Punkt aufs Auge
    2. halb durchdrücken
    3. Bild neu komponieren, indem du den Ausschnitt perfektionierst
    4. auslösen

    So stellst du auch außerhalb der Mitte scharf. Ohne Chaos!

    Wichtig: Bei manchen Kameras funktioniert das nur im AF-S-Modus.

    Warum Eye-AF genial ist – aber nicht genug

    Eye-AF…

    • …erkennt ein Auge.
    • …verfolgt es.
    • …stellt präzise scharf.

    Aber:

    • er weiß nicht, welches Auge dir wichtiger ist, wenn du von der Seite fotografierst (ja, das willst du entscheiden!)
    • bei zwei Personen muss er sich für ein Augenpaar entscheiden, schwierig, wenn beide Personen unterschiedlich weit von der Kamera entfernt stehen
    • Brillen, Gegenlicht, Haare irritieren ihn
    • manche Kameras priorisieren das falsche Gesicht

    Mein Rat:
    Nutze Eye-AF als schnellen Assistenten für Alltagssituationen – aber nimm bei kritischen Bildern (Porträt, wichtiger Moment) lieber den Einzelpunkt und entscheide selbst.

    6. Warum der Autofokus manchmal versagt – und das Bild deshalb unscharf ist

    Selbst wenn du alles richtig machst, kann das Bild unscharf werden.

    Das liegt an zwei verschiedenen Baustellen:

    Der Fokus selbst versagt

    Zu wenig Kontrast:
    Eine weiße Wand, gleichmäßiger Nebel, flache Flächen oder du bist zu nahe dran am Motiv – der AF findet keinen Halt und „pumpt“ vor und zurück.

    Zu wenig Licht:
    Im Dämmerlicht wird der Autofokus unsicher. Er sucht, korrigiert, sucht wieder. Der Moment ist vorbei, bevor er trifft.

    Bewegung quer durchs Bild:
    Nachführ-AF ist stark bei Bewegung auf dich zu oder von dir weg. Aber bei schneller Querbewegung? Da wird’s schwierig.

    Wiederholgenauigkeit moderner Kameras:
    In der Studie „Auto Focus Performance – What can we expect from today’s …” von Uwe Artmann, Image Engineering GmbH & Co KG; Frechen, Germany, (2017) ab Seite 220 wird angegeben, dass bei Systemkameras (spiegellose Wechselobjektivkameras) im Durchschnitt eine AF-Genauigkeit („AF accuracy“) von ≈ 94,9 % erreicht wurde. Für Spiegelreflex-Kameras (DSLRs) wird dort ein Durchschnitt von ≈ 88,7 % genannt.
    Das bedeutet, dass 5 – 12 Fotos von 100 ohnehin nicht 100%ig scharf gestellt werden.

    Der Fokus sitzt – aber das Bild ist trotzdem unscharf

    Bewegungsunschärfe:
    Dein Motiv bewegt sich schneller, als deine Verschlusszeit es einfrieren kann. Du brauchst 1/500, 1/1000, 1/2000 – je nach Szene.

    Verwacklung:
    Deine Hand ist unruhiger, als du glaubst. Ein Bildstabilisator hilft. Aber nicht bei 1/15 Sekunde mit Telebrennweite. Was wirklich hilft sind mehr Licht, ein höherer ISO-Wert oder ein Stativ.

    Schärfentiefe zu gering:
    f/1.4 bei 0,5 m Abstand? Da reicht ein Atemzug und das Motiv ist außerhalb der Schärfeebene – selbst wenn der Fokus perfekt saß. Das gleiche gilt im Nahbereich, also wenn du Makro fotografierst. Nicht umsonst nutzen viele Makrofotografen ein stabiles Stativ mit Einstellschlitten.

    Gerade im Nahbereich ist die Schärfentiefe unfassbar gering. Deshalb ist es umso wichtiger, ganz genau zu fokussieren. Bild von Erik Karits auf Pixabay

    Beugungsunschärfen:
    Ich hatte es schon im letzten Artikel erwähnt: Blendest du zu weit ab, entstehen Beugungsunschärfen.

    Bildrauschen:
    Ich habe nichts gegen Bildrauschen. Immerhin darf ich dank hoher ISO-Werte auch dann noch fotografieren, wo ich früher auf Film mit ISO 100 einpacken musste. Aber schön ist es natürlich auch nicht. Gerad bei höchsten ISO-Werten wirken Fotos unschärfer, als bei niedrigen Werten.

    FÜR TECHNIK-NERDS: Wie Autofokus-Systeme unter der Haube funktionieren

    Kontrast-AF (reiner Kontrastvergleich auf dem Bildsensor)
    Die Kamera wertet die Kontrastkanten direkt auf dem Sensorsignal aus.
    Sie bewegt den Fokus so lange vor und zurück, bis der maximale Kontrast erreicht ist.
    • Vorteil: Sehr hohe Präzision, da direkt am finalen Bildsensor gemessen wird.
    • Nachteil: Sie muss „suchen“ – dadurch bei Bewegung und bei langen Fokuswegen deutlich langsamer.

    Phasendetektions-AF (klassisch bei DSLRs, heute auch „on-sensor PDAF“ bei spiegellosen Kameras)
    Zwei getrennte Strahlengänge werden analysiert, um Phasendifferenzen zu berechnen.
    Die Kamera erkennt sofort Richtung und Betrag der notwendigen Fokuskorrektur.
    • Vorteil: Sehr schnell, eignet sich für Action, Augen-AF, Serienbilder.
    • Nachteil: Benötigt ausreichend Struktur/Licht; bei DSLR getrennte Messung → mögliche Kalibrierfehler (Front/Backfocus).

    Hybrid-AF (Kombination aus Phasendetektion + Kontrastmessung)
    Moderne Systeme nutzen PDAF für die Richtung und grobe Entfernung, und verfeinern bei Bedarf mit Kontrast-AF.
    • Vorteil: Schnell UND präzise.
    • Limit: Auch die beste Automatik kann nicht entscheiden, welches Motiv in deinem Bild die Priorität haben soll.

    7. Drei Szenarien – und wie du sie mit Autofokus scharf bekommst

    Kind auf einer Schaukel

    Bewegung, wechselnde Distanz, Chaos.

    Einstellungen: AF-C, Zonen-AF, Serienaufnahme, bei Sonne ISO 400, bei Bewölkung ISO 800 (Faustformel)

    Warum: Ein Einzelpunkt wäre zu nervös. Die Zone fängt Bewegung ab, ohne dass du ständig nachkorrigieren musst.

    Porträt mit offener Blende

    f/2.8, ruhiges Motiv, dezentrale Komposition.

    Einstellungen:
    Einzelpunkt oder Eye-AF vorderes Auge.
    Fokus speichern.
    Kurze Serie (2-3 Bilder).

    Warum:
    Bei f/2.8 ist die Schärfentiefe hauchdünn. Selbst eine Mini-Bewegung kann das Auge aus der Schärfe bringen. Eine kurze Serie sichert dich ab.

    Vogel im Flug

    Geschwindigkeit, unruhiger Hintergrund, wechselnde Helligkeit.

    Einstellungen:
    AF-C, Tracking + erweiterte Zone, bei Sonne ISO 400, bei Bewölkung ISO 800 (Faustformel)

    Warum:
    Tracking allein ist zu riskant – der Vogel ist klein, der Hintergrund kann ablenken. Die erweiterte Zone fängt Fehler ab, wenn das Tracking kurz strauchelt.

    8. Quick-Start: Dein Autofokus ab heute

    Diese fünf Entscheidungen lösen 80% deiner Schärfeprobleme:

    • AF-S für Ruhe, AF-C für alles mit Bewegung
    • Einzelpunkt-AF als Standard
    • Eye-AF als Hilfe – nicht als Boss
    • Zonen-AF für Action
    • Serienaufnahme nutzen, wenn etwas passiert

    Fang heute mit den ersten drei an.
    Alles andere kommt später – wenn du die ersten drei meisterst.

    9. Autofokus-Praxisübung mit echter Auswertung

    Schau dir 10 eigene Bilder an – groß, nicht als Thumbnail.
    Zoome rein und finde die echte Schärfeebene.

    Wenn du erkennst:

    Vordergrund scharf
    zu viele AF-Felder aktiv

    Hinteres Auge scharf
    falscher Fokuspunkt oder Eye-AF „falsch geraten“

    Gar nichts scharf
    Bewegungsunschärfe (Verschlusszeit zu lang) oder eines der anderen, unter 6. genannten Probleme

    Leicht daneben
    AF-C falsch genutzt, Motivbewegung unterschätzt oder du hast dich selbst bewegt

    Sieht scharf aus, aber ist weich
    Verwacklung (Hand, kein Stativ, zu lange Verschlusszeit)

    Das ist keine Kritik.
    Das ist Diagnostik.
    Und Diagnostik ist der Beginn von Kontrolle!

    DU hast Probleme, die Unterschiede genau zu benennen? Komm in meine Inspiclass.

    Nur wenn du korrket schrfstellst, ist dein Motiv auch wirklich scharf. Bild von Daniil Kondrashin auf Pixabay

    Fazit zum Autofokus: Du bist der Chef. Nicht die Kamera.

    Moderne Kameras erkennen Gesichter.
    Sie verfolgen Augen.
    Erkennen Tiere, Fahrzeuge, Körper.
    Sie kombinieren Kontrast-AF und Phasen-AF.

    Aber eines können sie bis heute nicht:

    Deine Gedanken lesen.

    Schärfe ist keine Automatik.
    Kein Preis.
    Kein Glück.

    Schärfe entsteht durch Führung.

    Wenn du der Kamera sagst, was wichtig ist, passiert Magie.
    Wenn du sie machen lässt, bekommst du das, was ihr wichtig erscheint.

    Und wenn du das nächste Mal auf den Auslöser drückst, weißt du: Du hast entschieden. Nicht die Kamera.

    Das ist der Moment, in dem aus Technik Fotografie wird.

    Doch selbst mit perfektem Fokus kannst du verwackeln – und zwar, ohne es zu merken.
    Darum geht’s im nächsten Artikel der Serie „Scharfe Bilder garantiert“.

    Bevor du weiterklickst:
    Mich interessiert eine Sache wirklich – Welcher Autofokus-Modus war bisher dein Standard, und warum?
    Schreib’s gern in die Kommentare. Deine Antworten helfen mir, die nächsten Artikel noch besser auf deine Praxis zuzuschneiden.

    Und falls du schon jetzt weißt, dass du deine Schärfe-Probleme endlich systematisch lösen willst:
    Im DeepDive „Scharfe Bilder garantiert“ am 15. Dezember gehen wir das Thema nicht nur technisch, sondern gestalterisch an – Schritt für Schritt, mit Beispielen aus der Praxis und konkreten Übungen.

    Alle Infos findest du hier: 👉


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    Ingo Krehl

    Meistens Einzelpunkt AF kleiner oder großer.
    Das Umschalten von One-Shot/Servo-AF habe ich mir auf eine Taste gelegt.
    Da ich gern und viel mit manuellen Objektive fotografiere: Ohne AF ;-), wenn unterstützt nutze ich den Fokus-Assistenten ansonsten die Fokus-Lupe – Fokus-Peaking habe ich probiert, ist mir zu nervig häufig die Farben und Intensität anzupassen.
    Zonen-AF denke ich oft nicht dran, wenn er sinnvoll wäre.
    Vielleicht weil ich mit einer DSLR mit einem Kreuz-Sensor in der Mitte und eine Hand voll einfacher AF-Sensoren drumherum angefangen habe.
    Gesichts-/Augenerkennung nutze ich kaum. Habe mal eine Pianistin in einem Fotogeschäft fotografiert – die Augen der Portraits an der Wand hat er zuverlässig gefunden und wenn er mal die Pianistin „gefunden“ hat – und Schwups … Wenn ich die EOS R5II gehabt hätte, hätte ich das Gesicht der Pianistin fotografieren können und dann dem AF „sagen“ können dass sie Priorität hat. Ist bestimmt recht hilfreich wenn man ein paar Personen im Gewusel fotografieren will (Hochzeitspaar, wichtige Personen auf einem Event).

    Katja

    Vielen Dank Karsten für diesen Beitrag! Den habe ich wirklich mal so ausführlich gebraucht und nirgends so gefunden! Und auch wie das bei den unterschiedlichen Modellen heißt… genial.
    Falls du mal noch ein Thema suchst für den Newsletter… vielleicht könntest du mal auf den AEL Button eingehen… ich frage für eine Freundin… 😉…
    Grüße. Katja.

    Alessandra

    Hallo Karsten
    Ich komme eigentlich mit Spot-AF am besten klar.
    AI Servo ist oft eine absolute Katastrophe. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es bei mir nach Zufallsprinzip funktioniert.
    Vielen Dank für den ausführlichen Beitrag. Ich werde mir gewisse Punkte näher angucken! 🙂
    Gruss
    Alessandra

    Thomas Langguth

    Hallo Karste, Standard AF—C Single, da ich zumal den AF noch vom Auslöser entkoppelt habe, wirklich sehr zufrieden gerade bei Wildlife. Du kennst ja meine Bilder. Gruß Thomas.