Autofokus bei Portraits: Perfekt Scharfstellen

36
6667
autofokus portrait

Gerade mit lichtstarken Porträt-Objektiven ist die Schärfentiefe so gering, dass schon wenige Zentimeter über scharf oder unscharf entscheiden. Dann reicht es nicht mehr, der Kamera zu überlassen, wo sie fokussiert.

Die Kurzfassung: Schalte die automatische Messfeldwahl ab, nutz ein Autofokus-Einzelfeld und stell damit auf die Nasenwurzel deines Modells scharf (den Punkt zwischen den Augen). So liegt die Schärfe genau dort, wo sie hingehört – von der Nasenspitze bis knapp hinter die Augen. Warum die Nasenwurzel und nicht das Auge, und wie du das sauber umsetzt, erkläre ich dir jetzt in drei Methoden.

Dieser Text stammt aus meinem eBook über Porträtfotografie.

Zuerst: die automatische Messfeldwahl abschalten

Die meisten Kameras kommen mit aktivierter automatischer Autofokus-Messfeldwahl: Die Kamera entscheidet selbst, worauf sie scharfstellt. Woher soll sie aber wissen, wo genau du die Schärfe haben willst? Schalte die automatische Messfeldwahl daher ab und stell auf ein Einzelfeld um (in der Regel zunächst das mittlere, das du verschieben kannst). Wie das an deiner Kamera geht, steht in der Bedienungsanleitung. Diese Umstellung lohnt sich übrigens für jede Art von Fotografie, nicht nur fürs Porträt.

Porträt, das klein betrachtet scharf wirkt – die Schärfe-Kontrolle entscheidet sich aber im Detail
In klein sieht fast jedes Foto scharf aus – ob es das wirklich ist, zeigt erst die Detailansicht.

Methode 1: Quick’n’Dirty (Fokus und Schwenk)

Diese Methode kennst du wahrscheinlich schon aus anderen Bereichen. Sie ist schnell – fürs Porträt aber nur eingeschränkt geeignet. So funktioniert sie:

  • Wähl das mittlere Autofokusfeld.
  • Stell auf das Gesicht des Modells scharf und halte den Auslöser halb gedrückt, um die Schärfe zu speichern (alternativ über die AF-Taste).
  • Verschwenk die Kamera, bis der Kopf nicht mehr in der Mitte liegt, und löse aus.

Das Schärfentiefe-Problem

Skizze: nach dem Verschwenken verlagert sich die Schärfeebene vom Gesicht auf den Hinterkopf
Beim Scharfstellen sitzt die Schärfentiefe (grün) von der Nasenspitze bis knapp hinter die Augen. Nach dem Verschwenken liegt sie (rot) auf dem Hinterkopf – das Gesicht wird unscharf.

Genau das ist der Haken: Durch das Verschwenken wandert die Schärfeebene nach hinten. Bei der großen Schärfentiefe der Landschaftsfotografie ist das egal – beim Porträt mit seiner geringen Schärfentiefe wird so der Hinterkopf scharf und das Gesicht nicht. Für Porträts taugt diese Methode allein also nicht. Vergiss sie trotzdem nicht ganz: In Methode 3 perfektioniert sie das Ergebnis.

Methode 2: Einzelfeld auf die Nasenwurzel

Die präziseste Methode nutzt das Autofokus-Einzelfeld, ohne danach zu verschwenken – so bleibt die Schärfe genau auf dem Gesicht. So gehst du vor:

  • Ausschnitt festlegen: Richte die Kamera so aus, dass das Modell genau dort sitzt, wo es später im Bild stehen soll (gestalterisch oft nicht in der Mitte). Ab jetzt bewegst du die Kamera nicht mehr.
  • AF-Feld verschieben: Beweg den einzelnen Autofokus-Punkt im Sucher auf das Gesicht – über die Multifunktionstasten oder das Einstellrad (siehe Bedienungsanleitung).
  • Scharfstellen und auslösen: Halb durchdrücken für die Schärfe, ganz durchdrücken fürs Foto.

Wohin genau? Auf die Nasenwurzel

„Aufs Gesicht“ ist zu ungenau, denn auch das Gesicht hat Tiefe: Die Nasenspitze liegt der Kamera am nächsten, die Augen am weitesten weg. Damit alles von der Nasenspitze bis knapp hinter die Augen scharf wird, stellst du weder auf die Nasenspitze noch auf die Augen scharf, sondern genau dazwischen – auf die Nasenwurzel, den obersten Punkt der Nase zwischen den Augen. Wähl das Autofokus-Feld, das ihr am nächsten liegt. Diese Routine – Ausschnitt wählen, Feld auf die Nasenwurzel, scharfstellen, auslösen – wendest du bei jedem einzelnen Porträt an.

Porträt mit präzise auf die Nasenwurzel gesetzter Schärfe und unscharfem Umfeld
Nur mit präziser Scharfstellung bekommst du das freigestellte Gesicht vor unscharfem Umfeld.

Methode 3: die Profi-Kombi

Manchmal lässt sich das AF-Feld nicht genau genug auf die Nasenwurzel schieben, weil die Felder zu grob verteilt sind. Dann kombinierst du Methode 2 und 1:

  • Modell im Ausschnitt platzieren und das AF-Feld wählen, das der Nasenwurzel am nächsten liegt.
  • Die Kamera nun nur minimal bewegen, sodass dieses Feld exakt auf der Nasenwurzel liegt, dort scharfstellen und zurückschwenken.
  • Auslösen. Weil der Schwenk nur wenige Zentimeter beträgt, verschiebt sich die Schärfeebene praktisch nicht – das Gesicht bleibt sauber scharf.

Anfangs dauert das etwas länger, nach ein, zwei Shootings geht es dir in Fleisch und Blut über – und deine Porträts werden zuverlässig scharf, wo es darauf ankommt.

Und heute? Augen-Autofokus (Eye-AF)

Viele moderne Kameras bieten inzwischen einen Augen-Autofokus (Eye-AF): Sie erkennen das Auge automatisch und stellen darauf scharf – damit nehmen sie dir den mittleren Schritt ab. Das ist praktisch, ersetzt das Verständnis hier aber nicht. Greift der Eye-AF einmal nicht (im Profil, bei wenig Licht, bei verdecktem Gesicht) oder willst du die Schärfe bewusst auf die Nasenwurzel statt aufs Auge legen, machst du es manuell wie oben beschrieben. Wer versteht, wohin die Schärfe gehört, ist der Automatik immer einen Schritt voraus.

Scharfe Fotos sind aber nur ein Baustein. Wenn du deine Kamera grundsätzlich sicherer beherrschen willst – Blende, ISO, Belichtung und Fokus im Zusammenspiel –, ist Kamera verstehen dein nächster Schritt.

Mehr zur Porträtfotografie

Vorheriger ArtikelRichtig fotografieren lernen?
Nächster ArtikelPorträtfotografie-Umfrage
Karsten
Ich bin Karsten Kettermann, Fotograf und Fototrainer. Mir geht es selten um den nächsten Technik-Tipp, eher um die Fragen dahinter: Was macht ein Bild stark? Welche Entscheidung triffst du, bevor du auslöst? Ob du gerade in die Fotografie einsteigst oder seit Jahren fotografierst und immer wieder an die gleichen Grenzen stößt — ich helfe dir, bewusster zu sehen und klarer zu entscheiden. Ich bin Dipl.-Designer (FH), habe 9 Fachbücher über Fotografie und Bildbearbeitung geschrieben und lehre schon über 30 Jahre Fotografie.
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
36 Kommentare
Älteste
Neueste
Raimund

Die ersten beden Vorgehensweisen kannte ich und habe sie mir auch schon antrainiert, allerdings die dritte und letzte Vorgehensweise, die Kombination der beiden ersten, war mir neu und werde ich in Zukunft versuchen anzuwenden.

Viele Grüße und Danke für deine wöchentlichen Tipps
Raimund

holger

Hallo Karsten, ich danke dir für die vielen hilfreichen Tipps. Ich werde mich jetzt noch intensiver mit der Portrait Fotografie auseinander setzen und hoffentlich durch deine super verständlichen Ratschläge schärfere und schönere Bilder zustande bringen. Mach bitte weiter so….so haben wir alle mehr Spaß an unserem Hobby.

Rüdiger

Hallo Karsten,

Deine Worte bringen es auf den Punkt, das versteht bestimmt jeder!

Ob es auch jeder anwendet? Nun, das muss jeder für sich entscheiden, ich werde es tun!

Danke
Viele Grüße
Rüdiger

Stefan Auerswald

Hallo Karsten,
danke für diesen Artikel. Ich habe immer verschwenckt. Darum ist halt das eine oder andere Bild nichts geworden. Wenn ich jetzt wieder Zeit zum fotografieren bekomme werde ich Dein Rat befolgen.
Danke und schönes Wochenende.

Gruß

Stefan

Hans Mager

Vielen Dank für die Tipps zum Autofocus Feld, jetzt ist mir klar wieso die Schärfe manchmal nicht stimmt wenn ich das mittlere Feld mit Kameraschwenk und halb Gedrücktem Auslöser fotografiere.
Danke auch das Du mich auch im Newsletter behältst obwohl ich krankheitsbedingt länger Nichten newsletter geöffnet hatte.

Christoph

Wieder ein super Artikel, Karsten!
Wenn ich deine Erklärungen gelesen habe, habe ich meistens den Gedanken: „Ist doch logisch! Hätte ich auch selbst drauf kommen können…“
Danke

Nicole

Hallo Karsten,
deine Tipps waren mir teilweise schon bekannt und ich versuche immer, diese anzuwenden 🙂
Womit ich beim Fokus allerdings Probleme habe, sind sich bewegende Objekte, in der letzten Zeit vor allem Pferde und Katzen.
Gibt es dafür denn auch irgendwelche Tipps und Tricks?
Tracking-Fokus habe ich schon öfter versucht, der funktioniert aber meistens nicht richtig und schweift dann ab …
Habe eine Olympus OMD EM5 Mark II Systemkamera, mit der ich auf dem Screen gleichzeitig fokussieren und direkt auslösen kann, das ist aber auch oft ungenau, weil ich nicht mehr wirklich sehe, was ich fotografiere, wenn ich den Finger auf dem Screen habe.

Hoffe du kannst mir irgendwie weiterhelfen.

Viele Grüße,
Nicole

Nicole

Danke für die schnelle Antwort! Ich habe auch einen Sucher, durch den ich auch viel lieber fotografiere, als über den Screen. Ich habe nur ab und zu den Screen genutzt, weils so schneller ging zu fokussieren 🙂
Dann versuch ich das mal so!

Mathias Krelle

Hallo Karsten, wieder ein paar super Tipps, die zum Nachmachen und Ausprobieren anregen. Ich werde mir nun mehr die Zeit nehmen und diese Tipps gerne auch ausprobieren und die Techniken ein wenig vertiefen. Im Rahmen der Familie findet sich bestimmt zunächst ein Model, dass auch mal etwas abwarten kann, bis die Kamera eingestellt ist.
Sonst bin ich ja mehr im Bereich Tierfotografie oder sogar Sportfotografie unterwegs, da hat man nicht immer die Zeit, um diese Einstellunngen vorzunehmen, auch wenn die Bilder am Ende sagen, dass man viel mehr Qualität auf diese Weise erzeugt hätte.
LG Mathias

Jörg

Hallo Karsten,

Vielen Dank für Deine Grafik. Eigentlich ist es ja logisch, aber im Fotoleben habe ich viele unscharfe Bilder durch Verschwenken der Kamera produziert und mich geärgert. Aber jetzt weiß ich, warum das passiert ist. Hatte nie richtig nachgedacht.

Vielen Dank und liebe Grüße

Jörg

Kerstin Kluger

Danke Karsten,ich habe das bisher noch nicht gewusst. Ich werde es ausprobieren.LG

Barbara

Ja !
Danke!
Ich lerne hier eine .Menge und das auch noch auf so leichte Art.
Mit dem Fokus mach ich es mir einfach.
Ich hab die Sony Alpha 65 und 6000
Mit dem Fokuspeaking krieg ich im manuellen Modus alles genauso fix scharf,als wäre ich im Automodus. Nasenwurzel hin oder her ?
Lass.mich bitte in deinem Verteiler.
Ich kommentiere so ungern…

Harry

Kann es gar nicht abwarten die Info’s in die Praxis umzusetzen.
Danke dafür !

Martina

Bei meinen bescheidenen Versuchen würde mir bisher geraten, auf das am nächsten gelegene Auge zu fokussieren. Dabei habe ich festgestellt, dass man direkt gesehen hat, wo der Fokuspunkt liegt. Das andere Auge war merklich unscharfer.
Werde mal deinen Tipp beim nächsten Mal anwenden, dann ist das Ergebnis vielleicht ausgeglichener !?

Jörg Edelbrock

Hallo,
bei der Vergrößerung des Modell-Kopfes erkennt man gut, dass nur die Haare hinter dem Ohr scharf sind.Jetzt weiß ich endlich warum das bei mir auch sehr oft der Fall ist. Danke für die Tipps.

Michael Mogus

Hallo, viel zu lernen gibt es in diesem Artikel. Man muss sich viel merken und zusammensetzen. Vieles ist aus vorherigen Beiträgen. Ich muss das alles bei meinen nächsten Porträtfotos mal ausbrobieren, wenn es auch länger dauert. Michael

Erich Hanzl

Ich verfolge seit mehreren Wochen als Newsletter Deine Tipps und Learnings. Soeben habe ich die Portraitfotografie mit dem Fokuspunkt am Nasenrücken mit den Auswirkungen von Schwenken präzise kennengelert. Ich muss sagen, deine Inhalte sind nicht wie üblicherweise ständig dupliziert und pauschal gehalten. Sondern sie heben sich auf grandiose Weise von allem ab was ich bis jetzt gelernt haben. Thanks. Erich. Deine Seite gebe ich auch immer wieder an Fotofreunde weiter.

Wolfgang

Die Vorgehensweise ist sicherlich genauer als nur mit dem mittleren Fokusfeld zu arbeiten.
Bei einem Motiv, was mir die Zeit dafür gibt, werde ich es das nächste Mal ausprobieren.
Wenn man aber seine eigenen Kinder fotografiert hat man in der Regel ca. 0,5 Sekuden dafür Zeit.
Meist sind die schon wieder weg, wenn ich die Kamera eingeschaltet habe.
Vielleicht geht es auch eine kleinere Blende zu verwenden oder einen größeren Ausschnitt u fotografieren und dann zurecht zu schneiden.